Sport : Drechsler gibt auf – und macht weiter

Frank Bachner

Braunschweig - Heike Drechsler senkte kurz den Kopf, konzentrierte sich, dann sprintete sie los. Sie rannte bis zum Absprungbalken, das Publikum klatschte rhythmisch. Heike Drechsler sprang ab, es war ihr erster Versuch, dann landete sie nach 6,21 m im Sand. Das Publikum klatschte immer noch, obwohl Heike Drechsler mit verkniffenem Gesicht aus der Weitsprunggrube trottete. In dieser Sekunde wusste niemand auf der Tribüne des Braunschweiger Stadions, dass Heike Drechsler, die Doppel-Olympiasiegerin im Weitsprung, gerade ihren letzten Sprung vollendet hatte. Zumindest hier, bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Heike Drechsler hatte sich beim Absprung verletzt.

Eine Oberschenkelzerrung nach einem Versuch, das wirkte fast schon wie inszeniert. Als bitterer Höhepunkt eines bitteren Auftritts. Heike Drechsler hatte bis zum vergangenen Donnerstag auf die Olympia-Qualifikation gehofft, obwohl diese Chance gleich null war. Sie hätte 6,70 Meter springen müssen. Ihre Saisonbestleistung stand bei 6,39 Meter. Mit dieser Weite wäre sie gestern Sechste geworden, obwohl Urszula Westhof-Gutowicz mit nur 6,51 Meter gewann.

Aber dann kapitulierte sie lieber selber, bevor sie vor tausenden Zuschauern ausgezählt wurde. Sie will ja auch noch Botschafterin für die Leichtathletik-WM 2009 werden, um die sich Berlin bewirbt. Bereits vor den Titelkämpfen hatte sie verkündet: „Athen ist abgehakt, ich beginne in Braunschweig meine Abschiedstournee.“ Aber sie wollte vor allem auch noch mal durch Kampfgeist beeindrucken. Braunschweig würde der letzte offizielle Wettkampf ihres Lebens sein. „Es ist natürlich ärgerlich, so aufzuhören, ich wollte noch mal mein Bestes geben“, sagte sie später. „Als ich vom Stadionsprecher vorgestellt wurde und die Leute klatschten, hatte ich eine Gänsehaut.“ Dann wurde sie doch noch kämpferisch. „Ich lasse mir meine jüngsten Leistungen nicht schlecht reden.“

Das Publikum war nicht eingerichtet auf so einen Abgang. Der Stadionsprecher verkündete Drechslers Wettkampfabbruch, die Zuschauer reagierten ratlos. Es gab ein bisschen Abschiedsapplaus, aber das war nicht die Würdigung, die eine Sportlerin wie Heike Drechsler bekommen hätte, wenn sie zu ihrem letzten Versuch angelaufen wäre. Da hätte es Standing ovations gegeben. Als sie ging, war es kühl, ein unangenehmer Wind wehte, der Himmel war wolkenverhangen. Es passte alles ins Bild in diesem Moment.

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