Sport : Drehen und stehen

Der sensible Eiskunstläufer Silvio Smalun fürchtet den wichtigen vierfachen Toeloop – bei der deutschen Meisterschaft in Oberstdorf lässt er ihn lieber aus

Frank Bachner[Oberstdorf]

Michael Huth stand an der Bande, er drückte die Fäuste immer kraftvoller in seine Anoraktaschen, und irgendwann brüllte er los. Auf dem Eis der Oberstdorfer Eislaufhalle erstarrte Silvio Smalun. Er hatte ein paar Dreifach-Sprünge geübt und den vierfachen Toeloop, aber er wollte besonders filigran springen. Das sollte er nicht. „Geh auf Sicherheit, es soll erst mal nur funktionieren“, hatte Huth, der Trainer, erklärt. Smalun stürzte immer wieder, so oft, bis Huth ihn anschrie. Und dann, nach Sekunden der Erstarrung, begann Smalun, der 25 Jahre alte Eiskunstläufer, zu weinen.

Das war vor vier Wochen. Huth erzählt die Geschichte ohne große Emotionen. Er war nicht überrascht von den Tränen, er kennt Smalun lange genug. Aber die Geschichte zeigt, weshalb Silvio Smalun, der zweimalige Deutsche Eiskunstlauf-Meister, sein größtes sportliches Problem noch nicht gelöst hat: Er steht im Wettkampf den vierfachen Toeloop nicht, den einfachsten vierfachen Sprung im Eiskunstlauf. Wer in Europa vorne mitmischen will, muss diesen Sprung beherrschen. Im Wettkampf. Stefan Lindemann etwa, der WM-Dritte von 2004, steht ihn sicher.

Smalun steht ihn auch, seit Oktober 2001 sogar. 50-mal ist er sicher gelandet – im Training. Aber zwischen Training und Wettkampf liegt eine Barriere, die Smalun seit Jahren nicht überwindet: „Der Silvio ist zu sensibel. Der verkraftet den nervlichen Stress des Wettkampfs nicht“, sagt Huth. Stimmt, sagt Smalun: „Ich reagiere sehr empfindlich auf die Unterschiede.“ Ein Dutzend Mal hat er es versucht im Wettkampf, nie stand er den Sprung. Bei der Europameisterschaft 2003 verpatzte er ihn gleich dreimal. Am Ende wurde er Elfter. Heute, bei der Kür der deutschen Meisterschaft, will er ihn gar nicht erst versuchen. Er liegt auf Platz zwei, aber er fühlt sich nicht sicher genug. Vielleicht bei der EM wieder, in zwei Wochen in Turin.

Sie müssen Wettkampfstress simulieren im Training, Huth und Smalun, anders geht es nicht. Also probieren sie alles aus. Smalun lief in Wettkampfkleidung. Er lief vor Preisrichtern, die extra eingeladen worden waren. Er lief sofort sein Programm, ohne großes Einlaufen auf dem Eis. „Das ist schon Stress, weil einem das Eisgefühl fehlt“, sagt Smalun. Er hat jetzt auch nur noch drei Versuche, den vierfachen Toeloop zu springen. Steht er nach drei Versuchen immer noch nicht, muss er aufhören. „Das zwingt ihn dazu, noch konsequenter zu arbeiten“, sagt Huth. Bislang hat nichts wirklich geholfen. Es nützt nichts, dass er ihn ab und zu steht, er muss so kontinuierlich sicher landen, dass er auch im Wettkampf stabil ist.

Seit März 2004 arbeitet Smalun auch noch mit einem Psychologen. Der startete vor zehn Jahren bei der Rollkunstlauf-WM, er kennt die Seele eines Eiskunstläufers. Der Psychologe hat dem Athleten geraten, er solle sich vorstellen, dass er durch einen dunklen Wald läuft. Da gebe es auch Geräusche und Ängste, mit denen man klar kommen müsse. „Aber mir fehlen die richtigen Bilder dazu“, sagt Smalun. „Wenn Silvio an der Bande ein Geräusch hört, kann es sein, dass er völlig durcheinander gerät“, erzählt Huth. Smalun sagt, dass er Perfektionist sei. Das sieht auch Huth so: „Aber wenn etwas nicht klappt, zerfleischt er sich.“ Einmal pro Woche, sagt Huth, müsse er deshalb eine Trainingseinheit abbrechen.

Als Smalun zum ersten Mal einen vierfachen Toeloop stand, hielt sich die Freude in Grenzen. „Ich hatte ja darauf hingearbeitet, es war nur eine Frage der Zeit“, sagt er. „Aber Training und Wettkampf sind etwas völlig anderes.“

Manchmal kommen dem Trainer dann Zweifel. „Vielleicht haben wir zu oft gefragt: Was hast du? Was ist schief gelaufen? Man kann damit Probleme auch verstärken.“ Aber sie geben nicht auf, der Trainer und sein sensibler Athlet. Smalun wäre es am liebsten, „ich würde den vierfachen Toeloop bei Olympia stehen“. Und Huth sagt mit verklärtem Lächeln: „Das wäre der Knaller.“

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