Sport : Dreher, Kreisel, Kollisionen

Fernando Alonso scheidet beim Regenrennen in Ungarn aus, Michael Schumacher bleibt am Ende ein Punkt – Jenson Button siegt

Christian Hönicke[Budapest]

Die Themenwoche der Nervenschwäche endete so, wie sie enden musste. Nach einem denkwürdigen Großen Preis von Ungarn stand einer der beiden Titelanwärter der Formel 1 mit leeren Händen da und der andere mit einem geschenkten Punkt. „Das Wochenende hat mich Nerven gekostet”, sagte Michael Schumacher. Nach dem, was er nur als „Achterbahnfahrt” bezeichnen konnte, war er nach einer Kollision mit Nick Heidfeld aus dem Rennen ausgeschieden. Da dies erst kurz vor Schluss geschah, wurde das Rennen für Schumacher gewertet. Und weil der Pole Robert Kubica disqualifiziert wurde, rückte Schumacher sogar noch auf Platz acht und damit in die Punkteränge vor. Fernando Alonsos nicht minder spektakuläre Fahrt durch das halbe Feld zur Spitze blieb ganz ohne Lohn. Statt dessen gab es für ihn eine ungemütlichen Begegnung mit dem Begrenzungszaun. So liegt der Abstand der beiden Konkurrenten in der WM nun bei zehn Punkten. „Es hätten 20 Punkte sein können oder auch nur noch drei”, sagte Schumacher. „Am Ende haben wir uns in der Mitte getroffen.”

Der überglückliche Honda-Pilot Jenson Button nutzte die Schwächen der Seriensieger zu seinem ersten Erfolg überhaupt. „Es ist wunderbar”, sagte der Engländer mit heiser gejubelter Stimme, „es hat so lange gedauert, aber jetzt bin ich endlich hier.” Zweiter wurde der McLaren-Pilot Pedro de la Rosa, während Nick Heidfeld das junge BMW-Sauber-Team als Dritter zum ersten Podestplatz führte. Ralf Schumacher (Toyota) kam als Sechster ins Ziel, Nico Rosberg (Williams) schied aus.

Zum ersten Mal seit dem Grand Prix von Belgien vor fast einem Jahr hatten die Piloten eine nasse Strecke vorgefunden. Die ungewohnten Bedingungen schufen die Voraussetzungen für ein Rennen mit vielen Überholvorgängen und ließen die Formel-1-Piloten reihenweise von der Strecke kreiseln. Unumstrittener König in dieser Disziplin war Robert Kubica. Der Pole ließ seinen BMW zu Beginn seines Debüts beinahe im Rundentakt um die eigene Achse drehen, kam trotzdem zunächst als Siebter ins Ziel und wurde dann disqualifiziert, weil sein Wagen das zulässige Gewicht unterschritten hatte. Die Erklärung des Phänomens laut BMW: Unerwartet hoher Gummiverschleiß der Reifen, die 51 Runden lang im Einsatz waren.

Sicherer als Kubica bewegten sich zunächst Michael Schumacher und Fernando Alonso über die glatten Straßen des Hungarorings. Die beiden WM-Rivalen hatten das Rennen nach Strafen für unerlaubte Überholmanöver im Training in der Mitte des Feldes aufnehmen müssen. Nach traumhaften Starts und einer glänzenden ersten Runde fanden sich die beiden aber bereits auf den Plätzen vier und sechs wieder. Kurz darauf war der Spanier direkt hinter Schumacher und lud ihn zu einem mehr als eine Runde dauernden, packenden Duell ein, an dessen Ende Alonso Schumacher nach mehreren Versuchen auf der Kurvenaußenseite passierte. Es war ein würdiges Manöver für den ersten wirklichen Überholvorgang zwischen den beiden Titelkandidaten in dieser Saison.

In der Folge machte sich der Renault-Pilot auf die Jagd nach den beiden McLaren-Fahrern Kimi Räikkönen und Pedro de la Rosa an der Spitze, während Schumacher die Angriffe von Alonsos Teamkollegen Giancarlo Fisichella abwehren musste. Der Adjutant, der sich vom Weltmeister lange den Vorwurf mangelnder Unterstützung anhören musste, überholte den Rekordweltmeister nach rundenlangem Kampf und entriss dem Ferrari des Deutschen dabei auch noch den halben Frontflügel. Vermutlich sah Fisichella seine Aufgabe danach als erfüllt an, jedenfalls beendete er sein Rennen nur eine Runde später mit einem Abflug.

Schumacher verlor durch den folgenden Reparaturstopp viel Zeit, aber gegen Alonso hätte er unter diesen Bedingungen ohnehin keine Chance gehabt. Pro Runde verlor er im Schnitt drei Sekunden auf den 25-Jährigen und zeigte sich „ein bisschen enttäuscht” von seinen Bridgestone-Regenreifen. Nachdem die McLaren die Führung durch ihre Boxenstopps verloren hatten, stürmte Alonso wie entfesselt auf und davon. In der 24. Runde traf er dabei wieder auf Schumacher, der sich nach einigem Widerstand schließlich überrunden ließ. Dass diese Kränkung nicht allzu lange vorhielt, hatte der Rekordweltmeister Kimi Räikkönen zu verdanken. Der Finne überrollte Vitantonio Liuzzis Toro Rosso in der 26. Runde beim Überrunden regelrecht und produzierte dabei so viel Schrott, dass das Safetycar auf die Strecke kommen musste. Weil Alonso zu seinem ersten Tankstopp abbog, konnte der siebtplatzierte Schumacher zumindest seinen Rundenrückstand wettmachen. Größeren Nutzen zog der Deutsche daraus jedoch nicht. Direkt nach dem fliegenden Neustart drehte er sich und verlor sofort wieder den Kontakt zu Alonso, dem nur Jenson Button folgen konnte.

Erst als die Strecke gegen Rennmitte zu trocknen begann, erwiesen sich Schumachers Bridgestone-Reifen gegenüber Alonsos Michelins als ebenbürtig. Der Spanier jedoch schien uneinholbar enteilt – bis sich zwanzig Runden vor Schluss kurz nach seinem letzten Boxenstopp erst eine Radmutter und dann ein ganzes Hinterrad von seinem Renault löste. „Die Antriebswelle war gebrochen”, sagte Alonso, „ansonsten hätte ich hier locker gewonnen.” Sein Chef Flavio Briatore sprach von einem „Teamfehler”.

Schumacher konnte aus der Schwäche der Konkurrenz kein Kapital schlagen. Statt noch wichtige WM-Punkte einzusammeln, verlor auch er wenige Runden vor Schluss beim aussichtslosen Versuch, einen Podestplatz zu verteidigen, erneut die Nerven. „Seine Reifen waren total abgenutzt”, sagte Nick Heidfeld. „Als ich ihn überholt habe, ist er mir ins Heck gefahren und hat sich die Aufhängung kaputt gemacht.” Hinterher überlegte Schumacher, ob er nicht ein zu hohes Risiko eingegangen sei. „Vielleicht wäre es besser gewesen, zwei oder drei Positionen zu verlieren und sichere Punkte mitzunehmen”, sagte er. „Wir haben eine Riesenmöglichkeit vergeben. Aber das bin ich, wie ich bin: Es wird gekämpft, bis sich nichts mehr dreht und nichts mehr geht.”

Bis auf weiteres geht ohnehin nichts mehr. Der Formel-1-Klub schickt seine Mitglieder für drei Wochen in die Sommerferien. Während Schumacher „am liebsten sofort wieder ins Auto steigen” möchte, kommt Alonso der Urlaub nicht ungelegen: „Vielleicht ist es ganz gut, dass wir alle mal ein paar Tage frei haben.” Zum Beispiel, um den Kopf frei zu bekommen.

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