Drehkreuz für Fans : Hauptbahnhof Hannover: Hier steigt der Fußball um

Jedes Wochenende wird der Hauptbahnhof Hannover zu Deutschlands größtem Drehkreuz für Fans aus allen Ligen – manche rauschen friedlich durch, andere prügeln sich mit der Polizei.

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Reisende, die schon mal aufhalten. Auf dem Hauptbahnhof Hannover hat die Polizei am Sonnabend viel zu tun. Foto: Matthias Wolf
Reisende, die schon mal aufhalten. Auf dem Hauptbahnhof Hannover hat die Polizei am Sonnabend viel zu tun. Foto: Matthias Wolf

Um 23 Uhr ist auch für Dirk-Hinrich Haar Feierabend. Nach vierzehn Stunden. „Wir sind mit der Situation insgesamt gut zurechtgekommen“, sagt er. Gerade hat der Regionalexpress aus dem Ruhrgebiet mit den Fans von Hertha BSC an Bord den Hauptbahnhof Hannover verlassen. Ruhig blieb es während des fünfminütigen Aufenthaltes, die Berliner Fans wirkten noch wie unter Schock nach der Niederlage in Schalke. Nur ein Fan zeigte Haar und seinen dreißig Kollegen, die Bahnsteig 9 abgesichert haben, provozierend am Zugfenster den nackten Hintern. Harmlos. Das hat der 29 Jahre alte Polizeirat heute schon anders erlebt. Haar war am Samstag Einsatzleiter am Hauptbahnhof. Hier, wo 250 000 Menschen täglich ankommen, abfahren oder durchreisen. Unter den Reisenden: wieder mehr als 8000 Fans. Der Bahnhof in Hannover ist nahezu Woche für Woche Fußball-Drehkreuz – und Hochsicherheitszone. 300 Beamte waren am Samstag im Einsatz.

Bahnhöfe gelten, neben den Stadien und ihrem Umfeld, als zweite Randalezone an Spieltagen. In der abgelaufenen Saison mussten bundesweit 95 000 Beamte der Bundespolizei 746 000 Einsatzstunden beim Fan-Reiseverkehr leisten. Bei 612 Gewaltdelikten wurden 416 Menschen verletzt. Am Bahnhof Hannover, mit 35 000 Arbeitsstunden weit vorne, kam es zu 100 Fußball-Einsätzen. Oft mit Körperverletzung oder Sachbeschädigung. Dazu gehört auch Pyrotechnik, die im Zug gezündet wird. Manchmal werden vom Ausmaß der Gewalt selbst Haar und seine Kollegen überrascht. Im Januar erst gingen in Hannovers Bahnhofshalle 120 Bremer und Erfurter plötzlich aufeinander los, später prügelten sich noch Erfurter und Kölner. Fünf Polizisten wurden verletzt. Die Randalierer hatten sich übers Internet am Bahnhof verabredet.

Auch vergangenen Samstag stand besonders das Nordderby des VfL Wolfsburg gegen Werder Bremen im Fokus. Mehr als 2000 Werder-Fans reisten über Hannover und mussten hier umsteigen. Dazu kamen der Sonderzug der Hannoveraner nach Leverkusen, die Berliner Fans waren auf der Schiene, die Bielefelder reisten mit einem 420-Mann-Entlastungszug nach Babelsberg, der in Hannover hielt. Zudem waren Mainzer auf dem Weg nach Hamburg, und in Liga vier trat Holstein Kiel bei Hannover 96 II an. Nur 50 Kieler Fans – doch sie sollten viel Ärger machen. Aber der Reihe nach.

Frühmorgens im Büro der Bundespolizei. Am Tisch sitzen neben Einsatzleiter Haar auch Schichtleiter Edgar Strauß und der szenekundige Beamte Jörg Canisius. „Das wird ein brisanter Tag“, sagt Haar. Auf einem Monitor sind die Fanströme dargestellt. Es gibt rote, gelbe und grün eingefärbte Verbindungen – das ist die Risikoeinteilung für die Spiele und die Fans, die mit der Bahn fahren. Dieser Plan ist die einzige Konstante, denn mehrfach müssen Daten wie Ankunftszeiten und das jeweilige Gleis geändert werden. Der Tag beginnt um 8.03 Uhr. Die Herthaner reisen durch. Das verläuft unproblematisch, auch weil die Polizei ein Auge zudrückt: Im Zug werden zwei Berliner ausfällig, eine Plexiglasscheibe geht zu Bruch – die beiden dürfen dennoch weiterfahren. „Es gibt Grenzen, aber wir wollen die Fans nicht gängeln“, sagt Haar.

Kurz nach 10 Uhr: Der Sonderzug der Hannover-Fans nach Leverkusen fährt ab. Einige Polizisten stehen am Gleis, in den Zug steigen nur zwei zivile Beamte ein. Es herrscht eine friedliche Stimmung. Die sogenannten Entlaster sind weitgehend unproblematisch, weil die Fans unter sich bleiben. „Am liebsten hätten wir nur Sonderzüge“, sagt Strauß. „Das würde uns die Arbeit erleichtern.“ Doch oft hört er von Fans, ganz offen: So ein Regionalexpress ist spannender. Da könne man sich produzieren – und provozieren. So reisen heute gerade 120 Bremer mit dem bereitgestellten Sonderzug an – der Rest wählt die Abenteuervariante.

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