Sport : Drei gegen den Rest der Welt

Warum das Eiskunstlaufpaar Sawtschenko/Szolkowy am stasibelasteten Trainer Ingo Steuer festhält

Frank Bachner[Oberstdorf]

Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy kreisen auf dem Eis um sich selbst. An der Bande der Eishalle in Oberstdorf steht am Freitag der Trainer des Paares und schaut zu. Ingo Steuer trägt einen schwarzen Pullover mit einem lilafarbenen Aufdruck: „Pixeleis“ steht da. „Das ist unser neues Projekt“, sagt Steuer. Gerade wird unter diesem Namen eine Internetseite aufgebaut. Dort kann sich jeder einen Pixel kaufen, so soll die Fahrt des Paares zu den Olympischen Spielen finanziert werden.

Eigentlich wollte ja Ingo Steuer gar nichts sagen in Oberstdorf – nichts zu seinen Plänen, nichts zu seiner Situation. Nun, am Rande des Trainingsprogramms zu den deutschen Meisterschaften, gibt er sich doch redselig. „Ich habe im vergangenen Jahr gelernt, dass man nur einer Handvoll Menschen trauen kann. Ich bin von vielen enttäuscht“, sagt Steuer. Nachdem seine Stasimitarbeit aufgeflogen ist, wird er vom Verband und vielen Veranstaltern gemieden – und mit ihm das von ihm betreute erfolgreichste deutsche Eiskunstlaufpaar. „Bei internationalen Wettkämpfen kommen wir uns vor wie Exoten, weil wir so allein sind wie die Bobfahrer aus Jamaika“, sagt Steuer. Er spricht immer von „uns“, von „wir“.

Das Trio hat finanzielle Probleme. Sawtschenko lebt von einem 400-Euro-Minijob in einem Autohaus in Chemnitz, von der Sporthilfe, die sie erhält und von den Preisgeldern, die sie bei den paar Schaulaufen im Jahr erhält. „Eine Saison für uns kostet rund 50 000 Euro“, sagt die 22-Jährige. Ihr Partner Robin Szolkowy hat so gut wie kein Einkommen. Er lebt von Ersparnissen. Die Bundeswehr hat ihn entlassen, weil er offiziell keinen Trainer benennen konnte. Ingo Steuer wurde nicht akzeptiert.

Auch der frühere Paarlauf-Weltmeister Steuer lebt vom Ersparten. Aber Szolkowy will nur ihn. Sawtschenko auch. Die Frage ist nur: Warum? Warum halten sie so eisern an diesem Trainer fest, den die Deutsche Eislauf-Union (DEU) ablehnt und den sie nur auf Druck von Gerichtsurteilen für internationale Wettkämpfe nominiert? Auch dann wohl wieder, wenn das Paar bei den deutschen Meisterschaften am Wochenende erwartungsgemäß seinen Titel verteidigt.

Warum? Weil Aljona Sawtschenko den Satz, den sie mit mädchenhafter Stimme sagt, ernst meint: „Ich will immer 180 Prozent.“ Kurz zuvor hat der Trainer verkündet: „Ich will immer 120 Prozent.“ Ingo Steuer ist ein harter Trainer. „Es ist nicht einfach, mit mir zu arbeiten“, sagt er. Auch er will unbedingt mit seinem Paar weitermachen – und kann dies zumindest bis zum Saisonende tun. Die DEU kündigte am Freitag an, auf Klagen zu verzichten und Ingo Steuer auch für die EM in zwei Wochen in Warschau sowie die WM im März in Tokio zuzulassen. „Der Verband gibt seine Rechtsposition nicht auf, aber bis zur Berufungsverhandlung vor dem Münchner Landgericht, die erst für April/Mai zu erwarten ist, müssen wir uns in Geduld üben“, sagt DEU-Vizepräsident Uwe Harnos.

Und so trainieren sie weiter, nach strengem Muster. Eine Szene aus Chemnitz: Steuer steht auf dem Eis und stemmt Sawtschenko in die Höhe. Szolkowy und Sawtschenko sollen den Ablauf eines Fluglutz einüben, aber Szolkowy schafft es nicht. Also geht Steuer selber aufs Eis, hält die 22-Jährige perfekt und studiert dann mit Szolkowy die Videoaufzeichnungen. „Bei mir hat sie in der Luft viel Zeit, da kann sie reagieren. Aber was du machst, ist weniger als nichts.“ Er schreit nicht, aber seine Ungeduld ist spürbar.

Steuer ist gerade mal 40. Er war selber mal Weltmeister, er kennt alle Tricks. Er ist Perfektionist und verlangt Disziplin. Diese Kombination gefällt vor allem Sawtschenko. Und sie gefällt Szolkowy. „Ich hatte früher eine ältere Trainerin, die nur an der Bande stand, da ist das hier schon anders“, sagt Sawtschenko. Steuer hatte sie aus der Ukraine nach Chemnitz geholt, er hat sie mit Szolkowy zusammengeführt, er hat die beiden zur Weltklasse geformt, das ist die Basis für ihren Zusammenhalt. Stasi, Spitzeleien, Sicht von Opfern – das sind keine Kategorien, die für die Sportler wirklich zählen. „Was vor 20 Jahren war, muss nicht mehr aktuell sein“, sagt Sawtschenko. Szolkowy sagt, er wolle sich ganz auf den Sport konzentrieren. Und wenn man Ingo Steuer nach seiner Stasimitarbeit fragt, antwortet er: „Da ist nichts passiert.“ Will sagen: Ich habe natürlich keinem geschadet. Sie erleben die Umwelt aus dem Blickwinkel einer Wagenburg.

„Klar könnten wir ins Ausland gehen, aber man darf nicht davonlaufen“, sagt Sawtschenko. „Wir lassen uns nicht verscheuchen“, ergänzt Steuer. Es ist dieses Gefühl von Undank, das sie noch mehr zusammenschweißt. Sie gewinnen Medaillen für Deutschland, sie haben gerade Silber beim Grand-Prix-Finale in St. Petersburg geholt, aber keiner würdigt es. Ihr Ziel heißt Erfolg. „Jeder von uns ist mal psychisch am Boden gewesen, aber dann holen ihn die anderen wieder hoch“, sagt Steuer. Wenn die beiden es wünschten, sagt er, würde er sich von ihnen trennen. Dann hätten alle ihre Ruhe. „Aber das wollen wir nicht“, sagt Szolkowy.

Ein Ende des Streits ist nicht in Sicht. Die drei haben sich darauf eingestellt. „Wir wurschteln uns durch“, sagt Steuer. Er macht eine kurze Pause, schüttelt den Kopf. „Aber professionell“, stöhnt der Perfektionist, „ist das alles nicht.“

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