Sport : Drei Meter am Treppchen vorbei

Benedikt Voigt

Erstes Rennen, erste große Enttäuschung: Hilde Gerg hat beim überraschenden Olympiasieg der Französin Carole Montillet die erhoffte Medaille so knapp wie nur denkbar verpasst. Die 26-Jährige aus Lenggries landete bei der Olympia-Abfahrt in Snowbasin nur auf dem vierten Rang und verfehlte die Bronzemedaille damit um eine Zehntelsekunde - oder umgerechnet 3,12 Meter.

"Ich bin schon sehr enttäuscht, ich habe mehr erwartet", räumte die Slalom-Olympiasiegerin von Nagano ein. Niedergeschlagen stand sie nach ihrer Fahrt minutenlang am Ausgang des Zielraums, den Oberkörper auf die Stöcke gestützt und den Kopf nach unten gesenkt: "Es ist mir jetzt egal, ob ich Vierte, Fünfte oder Sechste bin. Ich habe gedacht, dass es für eine Medaille reicht."

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Stattdessen überraschte Montillet bei strahlend blauem Himmel alle Favoritinnen. Die 28-Jährige aus Grenoble, die noch nie zuvor eine Abfahrt gewonnen hatte, fuhr die 2694 Meter lange Olympia-Piste "Wildflower" am Mount Allen wie beseelt zu Tal. Mit Nummer 11 erreichte sie eine Zeit (1:39,56 Minuten), an der sämtliche Favoritinnen scheiterten. Die Silbermedaille holte sich am Ende Isolde Kostner aus Italien (1:40,01), Bronze ging an die Österreicherin Renate Götschl (1:40,39).

In den vergangenen Jahren war die Abfahrt eine Domäne der deutschen Damen gewesen. Bei den letzten Winterspielen in Lillehammer (1994) und Nagano (1998) hatte sich die inzwischen zurückgetretene Katja Seizinger zur Ski-Königin gekrönt. Hilde Gerg hätte mit einem Sieg dafür sorgen können, dass erstmals eine Mannschaft bei Olympia drei Mal in Folge Abfahrts-Gold holt.

"Carole ist eine würdige Siegerin, ich gönne es ihr", sagte die enttäuschte, aber faire Verliererin Gerg über eine Siegerin, die ihr Glück kaum fassen konnte. Die neue Olympiasiegerin bestreitet diese Saison im Gedenken an die tödlich verunglückte Teamkollegin Regine Cavagnoud, die am 1. November zwei Tage nach einem Zusammenprall mit dem deutschen Trainer Markus Anwander starb. "Regine war meine beste Freundin, ich denke jede Sekunde an sie, und heute stand sie bei mir auf den Skiern", sagte Montillet.

Mit diesem denkwürdigen Beistand schrieb die Frau, die zuvor erst ein Weltcup-Rennen gewonnen (2001 einen Super-G in Garmisch) und in dieser Saison nie auf dem Siegerpodest einer Abfahrt gestanden hatte, sogar Geschichte. Ihr Olympiasieg war der erste für eine französische Alpine seit dem Slalom-Triumph von Marielle Goitschel 1968 in Grenoble.

Während Montillet eine nahezu fehlerfreie Fahrt gelang, leistete sich Hilde Gerg einige erkennbare Patzer und büßte die entscheidende Zeit in den technisch anspruchsvolleren Passagen ein. Die ersten paar Zehntel ließ sie im Abschnitt zwischen der 20. und 50. Fahrsekunde liegen, den größeren Rest fing sie sich in einem unteren Teilstück kurz vor der Anfahrt zum Zielhang ein. "Da habe ich dann wohl die entscheidenden Zehntel verloren", sagte sie.

Es war ein Rennen so gar nicht nach dem Geschmack von Cheftrainer Wolfgang Maier. "Eine Medaille zu erwarten, ist schon berechtigt", hatte er angekündigt, doch seine vier Läuferinnen konnten ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. Hervorragend verkaufte sich noch Regina Häusl (Bad Reichenhall) als Zehnte (1:40,84), doch auch sie war nicht zufrieden: "Das wäre ich nur mit einer Medaille gewesen." Sybille Brauner (Aising-Pang) konnte ihren zweiten Rang aus dem ersten Abfahrtstraining nicht bestätigen und kam nicht unter die ersten 25.

Einen unglücklichen Auftritt hatte Petra Haltmayr (Rettenberg). Die Allgäuerin, die sich zehn Tage zuvor bei einem schweren Sturz in Are an der Schulter verletzt hatte, war tagelang behandelt worden, um starten zu können. Nach guten Zwischenzeiten im oberen Abschnitt war das Rennen für sie jedoch nach 40 Sekunden Fahrzeit zu Ende. Nur mit einer akrobatischen Einlage konnte sie einen Sturz vermeiden.

Bis zum Start hatten die Läuferinnen bereits eine Nerven aufreibende Geduldsprobe hinter sich. Am Dienstag hatte erstmals in der Olympia-Geschichte die zweite Absage einer alpinen Damen-Abfahrt in Folge gedroht. Windböen im oberen Streckenteil der Piste brachten die Terminplanung durcheinander. Ursprünglich war das Rennen für den Montag terminiert gewesen, dann auf den Dienstag verlegt; anschließend wurde die Startzeit noch zwei Mal verschoben.

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