Sport : Drei Monate nach dem Münchner K. o. ist Thomas Helmer wieder da

Frank Bachner

Andreas Thom war das Ganze dann doch nicht geheuer. Er lief im erhöhten Trab auf die Terrasse des vornehmen Hotels Kempinski in Istanbul - und dort ging es ihm erheblich besser. Die Erde hatte gestern gebebt, mit Stärke 6,0 und vier Wochen nach dem verheerenden Erdbeben in der Türkei, da geht man auch als gestandener Hertha-Profi auf Nummer Sicher. Die anderen bemerkten nichts oder nahmen es nicht so tragisch, auf jeden Fall verließ kein anderer sein Zimmer. Sie wollen abschalten, vergessen, entspannen, die Hertha-Profis. So lange nicht alles wackelt, bewahren sie gelassen Ruhe. Manager Dieter Hoeneß ließ allerdings schon einmal bei der Uefa anfragen, ob denn das Spiel stattfinden wird. Kein Grund zur Aufregung, kam als Antwort, besondere Maßnahmen wären unnötig.

Es gibt ja auch noch das Spiel. Morgen ist Premiere, morgen trifft Hertha BSC im ersten Champions-League-Gruppenspiel auf Galatasaray Istanbul (Beginn um 20.45 Uhr, ab 23 Uhr Aufzeichnung im Fernsehsender tm 3), und vorher würden sie am liebsten alle unter partiellem Gedächtnisschwund leiden. Die Zeit zwischen 15.30 Uhr und 17.15 Uhr am letzten Sonnbend, wenn man die wegschneiden, also einfach ausblenden könnte, es wäre wunderbar. Da verloren die Herthaner mit 1:5 in Hamburg, ausgerechnet vor dem wichtigen Champions-League-Spiel. Und so etwas muss man erst mal verarbeiten. Zum Beispiel, indem man die Schlappe gar nicht mehr als eine solche erkennt. "Nur mit einigen wenigen Szenen in der zweiten Halbzeit muss man unzufrieden sein", erinnert sich zum Beispiel Hertha-Manager Dieter Hoeneß an das Geschehen im Volksparkstadion und meint erkannt zu haben: "Wir haben in der zweiten Halbzeit wieder kontrollierter gespielt." Oh ja, direkt nach dem zweimaligen Wiederanpfiff, nach den beiden Toren, die Hertha in den zweiten 45 Minuten noch kassierte. Oder in den Szenen, in denen die Mannschaft mal nicht vorgeführt wurde.

Dass DFB-Präsident Egidius Braun mal locker erzählte, Hertha sei die Mannschaft, die mit Sicherheit vorzeitig aus dem Wettbewerb kippen werde, nimmt Hoeneß mit einem lockeren Lächeln zur Kenntnis. "Das ist doch eher positiv für die Mannschaft. Dann wird ihr wenigstens der Druck ein bisschen genommen." Und dass Galatasarays Trainer Fatih Terin gleich klarmachte, dass er den AC Mailand und FC Chelsea als echte Prüfsteine betrachte, aber doch nicht diesen Haufen namens Hertha BSC, das kommt Hoeneß auch gerade recht. Und überhaupt: "Mir kommt es auf das Auftreten von Hertha BSC an. Eine gute Darbietung ist mir notfalls sogar wichtiger als ein Sieg. Die Champions League ist nur die Zugabe. Bedeutsamer ist für mich die Bundesliga."

Für Thomas Helmer allerdings wird es aus zweierlei Gründen ein ganz besonderes Spiel. Da ist zum einen die Erinnerung an den letzten Auftritt des FC Bayern in der Königsklasse vor drei Monaten im Finale von Barcelona. 1:2 gegen Manchester, Helmer saß auf der Bank und grüßte mit erhobenen Mittelfingern in Richtung Tribüne. "Nie wieder Champions League", haben sie ihm damals gesagt. Von wegen! Morgen kehrt er zurück auf die große Bühne. Und er erhält seine zweite Bewährungsprobe bei Hertha. Gegen den HSV gab er sein Debüt, blieb blass und kassierte mediale Ohrfeigen. "Dass die Erwartungshaltung so groß ist, hätte ich nicht gedacht", sagt der frühere Bayern-Star. Diese Haltung leitet sich von seiner sportlichen Biographie ab, von drei Meistertiteln mit dem FC Bayern, dem Uefa-Cup-Sieg mit Bayern und zwei DFB-Pokalsiegen. "Ich denke, dass sich an dieser Erwartungshaltung nichts geändert hat", sagt Helmer jetzt. Stimmt, von ihm erwartet man nun sogar noch erheblich mehr. Ein Problem, dieser Druck? "Ich weiß, dass ich gegen den HSV nicht gut gespielt habe, und ich muss einiges leisten, aber ich bin nicht für alles verantwortlich." Stimmt ebenfalls. Außerdem "denke ich über meine Fehler nach". Helmer wirkt nicht nervös, eher abgeklärt, ein Mann, der schon anderes mitgemacht hat, ein Mann, der sich eher als ruhender Pol sieht. Er kennt die Atmosphäre von Istanbul, er weiß, "dass man da mit einigem rechnen muß". Für ihn ist Galatasaray auch nicht der leichte Gruppengegner. "Nicht bei diesen Zuschauern und nicht bei dieser Stimmung."

Thomas Helmer wird über diese Stimmung reden mit den Kollegen, die so etwas nicht kennen. Er wird sie aufklären, aber keine Volksreden halten. Das ist nicht sein Ding. Er wird versuchen, Ruhe zu bewahren und so den Teamkollegen zu helfen, wenigstens einen Teil vom Stress abzubauen. Wenn es klappt, dann, sagt Helmer, "ohne jetzt rumzuspinnen, dann ist ein Sieg durchaus möglich".

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