Sport : Drei Punkte an der Heimatfront

Der britische Fußball ignoriert den Krieg – früher war das anders

Erik Eggers

Der Leitartikler der „Evening Post“ ließ nach dem Kriegseintritt der Engländer anno 1914 keine Zweifel aufkommen. „Jetzt ist keine Zeit für Fußball“, schrieb er, „die Nation hat sich um wichtigere Dinge zu kümmern. Die jungen Männer, welche Fußball spielen, und die jungen Männer, welche zuschauen, haben Besseres zu tun. Das Vaterland ruft sie, die Helden in den Schützengräben rufen sie. Sie sind aufgefordert, am großen Spiel teilzunehmen. Dies Spiel ist der Krieg, auf Leben und Tod.“

Fußball in Zeiten des Krieges – das war schon im Ersten Weltkrieg ein Thema. Das bezahlte Spiel galt in England als unpatriotisch in einer Zeit, in der die ersten Freiwilligen auf den flandrischen Feldern fielen. Die englische Football Association beugte sich dem Zeitgeist und stellte ihre Plätze und Stadien militärischen Zwecken zur Verfügung. Doch der Betrieb lief vorerst weiter. Das stieß auf Kritik. Die „Times“ dichtete: „Der Hauptmann sagt, kein Tor wiegt das jemals auf, was nun benötigt wird. Zieh die Sportjacke und die Mütze aus – Englands Farben erwarten nun deine Brauen.“

Fortan bestand gegen die Fußballer der Generalverdacht des Vaterlandsverrates. Selbst dann noch, als sich 2000 von 5000 britischen Berufsspielern freiwillig zur Front meldeten und dort in „Fußballbataillonen“ kämpften. Das schottische Team der „Hearts of Midlothian“ etwa marschierte bis auf einen Spieler gemeinsam in den Grabenkrieg. Ein Regiment wurde berühmt, weil es bei Sturmangriffen durch das Niemandsland Fußbälle vor sich her trieb. Doch all das brachte keine Ruhe an der Heimatfront. Erst die Einstellung des Spielbetriebs am Ende der Saison 1914/15 beruhigte die Kritiker. Diese Erfahrung wirkte nach: Als Hitler-Deutschland 1939 den Zweiten Weltkrieg provozierte, ruhte der Ball auf der Insel unverzüglich.

Kein Transparent im Stadion

Wie aber reagiert der britische Fußball heute, da Tausende Landsleute im Irak ihr Leben riskieren? Der britische Fußball wirkt autistisch. Nichts in den Stadien deutet auf den Krieg hin: kein Transparent, kein T-Shirt unter dem Trikot eines Profis, keine Frieden fordernde Gesichtsbemalung eines Zuschauers. Nur die Kommentatoren, die sonst gern das Vokabular des Krieges zur Zuspitzung benutzen, verzichten nun darauf.

Allein zwei winzige Fußnoten zum Krieg erreichten die Fußball-Öffentlichkeit. „Es wäre schön, den Menschen in diesen Zeiten ein bisschen Ablenkung und ein Lächeln zu bescheren“, sagte der englische Kapitän David Beckham vor dem Länderspiel in Liechtenstein, als ihn Reporter mit dem Krieg konfrontierten. Aufregender fand die konservative Presse die Meldung, nach der Robert Pires, französischer Mittelfeldspieler in Diensten Arsenal Londons, angeblich einen Boykott aus Protest gegen den Krieg in Erwägung zog. Pires indes dementierte sofort.

Das Schweigen der Profis ist bizarr, allerdings nur auf den ersten Blick. „Auch 1991, beim ersten Golfkrieg, hat eine solche Diskussion nicht stattgefunden“, sagt John Williams, Leiter des Centres for Football Research an der Universität Leicester. Der moderne Krieg werde von Berufssoldaten geführt, anders als früher werde nicht mehr jeder Mann benötigt. Williams sagt: „Viele Menschen betrachten es nicht als unpatriotisch, wenn sie sich trotz des Krieges dem Alltag widmen.“ Es sei oft genug argumentiert worden, dass der Sport den Soldaten hilft, dass sie über ihn „in touch“ blieben mit der Heimat. Und dass die Fußball-Ergebnisse von Anfield Road, Highbury und Old Trafford auch im Kampf um Basra nicht nur Normalität suggerierten, sondern die gemeinsame Fußballsozialisation auch die Moral der Truppe stärke.

Ein Fußball-Star als Soldat ist derzeit schwer vorstellbar. Die einst vieldiskutierte Frage, ob der Nutzen der „Sportskanonen“ Großbritanniens in der Heimat größer ist als an der Front, stellt sich nach Ansicht Dietrich Schulze-Marmelings nicht mehr. „Es geht heute um harte finanzielle Interessen“, sagt der deutsche Fußballhistoriker. „Zur Absage von Sportereignissen kommt es vermutlich erst bei einem Bombardement der Stadien.“

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