Sport : Drei Punkte gegen die Sprachlosigkeit In Leverkusen herrscht

angespannte Erleichterung

Erik Eggers

Gelsenkirchen. Mit den gewonnenen drei Punkten kam auch die Sprache wieder. Nach der letzten 0:1-Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart war Bayer-Manager Reiner Calmund noch, beunruhigend kalkweiß im Gesicht, unverzüglich und ohne jeden Kommentar in die Katakomben der Leverkusener Bayarena entfleucht. Nun aber, da Bayer Leverkusen mit dem glücklichen 1:0 bei Schalke 04 zu seinem zweiten Auswärtssieg gekommen war, hatte Calmund seine übliche rhetorische Form wiedergefunden. Glücklich und entspannt lehnte er an einer Wand im Presseraum und kündete wie gewohnt vom Wasserstand in Leverkusen. Hatten sie doch den Sturz auf einen Abstiegsplatz gerade noch einmal verhindern können, der im Fall eines Gladbacher Heimsiegs gegen Cottbus und eigener Niederlage auf Schalke gedroht hatte.

Calmund gab nach dem Spiel auf Schalke zu: Auf dieses Horrorszenario hatte sich der Vizemeister der vergangenen Saison gedanklich schon eingestellt. „Das hat schon eine gewisse psychologische Wirkung, wenn du auf einem Abstiegsplatz rangierst. Denn dann bekommst du diese Tabelle eine ganze Woche serviert“, sagte der Leverkusener Manager. Um das zu vermeiden, hatten sie offenbar erneut Klartext gesprochen unter dem Bayer-Kreuz. „Das ganze Gerede, dass wir 15 Nationalspieler haben und große spielerische Klasse haben“, davon wolle er nichts mehr hören. „Das alles interessiert doch keinen mehr, wenn du unten stehst“, sagte Reiner Calmund, „das entscheidende Bild ist die Tabelle.“ Dieser Ort der endgültigen Wahrheit, er hatte in Leverkusen unter der Woche offenbar auch als Ort einer massiven Warnung fungiert.

„Hier kannst du nicht einschlafen“

Ob dieser Auswärtserfolg bei Schalke aber tatsächlich, wie Trainer Klaus Toppmöller hinterher meinte, im Saisonrückblick als „großer Befreiungsschlag für uns“ zu werten ist, wird dann wohl doch davon abhängen, ob Leverkusen seine unerklärliche Schwäche gegen spielerisch an sich unterlegene Gegner wird ablegen können. Gegen höher einzustufende Gegner wie Dortmund oder Bayern hat sich Bayer Leverkusen schließlich bislang behauptet. Nicht unbedingt mit spielerischer Rafinesse, aber mit ungeahnter Kampfkraft. Auch beim Sieg gegen Schalke war Calmund mit der Leistung seiner Mannschaft sehr zufrieden, speziell darüber, „dass die Mannschaft diesen Fight angenommen hat, da hat sie meine Erwartung zu 100 Prozent erfüllt“. Aber an diesem Samstag hatte laut Calmund ohnehin keine Gefahr bestanden, „dass die nicht beißen: wegen der Tabellensituation, wegen des Gegners, und hier, in diesem Stadion, kannst du nicht einschlafen“. Anders als in der Bayarena zu Leverkusen.

Die bisherige Krise ist demnach bedingt durch mangelnde Professionalität der Spieler. Calmund hat in den Spielen gegen vorgeblich schlechtere Teams mangelnde Einstellung auf dem Rasen ausgemacht. „Gegen Bochum, Hannover und Stuttgart fehlten immer fünf bis zehn Prozent“, sagte auch Calmund, „dann verliert man eben.“ Gerade der Sieg am Mittwoch in der zweiten Pokalrunde gegen den VfB Stuttgart habe bewiesen, dass nicht die Aufstellung die Spiele gewinne, sondern die Einstellung. Diese deutlichen Worte sind selten geworden heutzutage. Diese Kritik muss auch Toppmöller treffen, weil dessen Motivationskünste, in der letzten Saison noch gerühmt, die Akteure offenbar nicht immer erreichen. Die Künste sind am nächsten Samstag wieder gefragt. Dann nämlich geht es im heimischen Stadion gegen den Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach.

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