Sport : Drei Runden für die Ewigkeit

Erst schnappte Vettel ihm den Titel weg – dann bekam Hamilton ihn von Glock wieder

Karin Sturm/Christian Hönicke

Es waren die drei dramatischsten Runden der jüngeren Formel-1-Geschichte. So dramatisch, dass „mein Herz kurz davor war zu explodieren“, wie Lewis Hamilton später sagte. Mitschuldig an der drohenden Herzattacke waren zwei Deutsche: Sebastian Vettel und Timo Glock. Bis acht Runden vor Schluss schien Lewis Hamilton trotz des sich abzeichnenden Sieges seines Titelrivalen Felipe Massa als komfortabler Vierter auf dem Weg zum Titel zu sein, doch dann öffnete sich die Wolkendecke über dem Kurs von Interlagos – und das Chaos begann. Nach dem Wechsel auf Regenreifen sah sich Hamilton plötzlich großem Druck seines Verfolgers Vettel ausgesetzt.

Zweieinviertel Runden vor Schluss passierte es: „Lewis kam in einer Kurve ein bisschen weit raus, und ich bin innen durchgeschlüpft“, berichtete Vettel, der die Tragweite seines Manövers gar nicht mitbekommen hatte. „Ich wusste nicht, auf welcher Position ich lag, ich hatte bei dem Regen genug zu tun.“ Die brasilianischen Fans auf den Tribünen wussten es und tobten, plötzlich war ihr Liebling Massa Weltmeister, der auch in diesem Bewusstsein durchs Ziel fuhr: „Das Team hat mir über Funk gesagt, dass ich Champion bin.“ Doch der Jubel in der Ferrari- Box kam zu früh. „Ich war kurz Weltmeister“, sagte der mit denen Tränen kämpfende Massa hinterher, „doch dann fuhr Lewis noch an Glock vorbei.“

In der McLaren-Zentrale hatte man in der Tat längst erkannt, dass nicht Vettel Hamiltons Hauptgegner war, und riet ihm von Gewaltmanövern gegen den Toro- Rosso-Piloten ab. „Glock ist dein Gegner, den musst du kriegen“, teilte man ihm per Funk mit. Der Toyota-Pilot hatte als einer der wenigen trotz des einsetzenden Regens auf einen Reifenwechsel verzichtet und war dadurch von Rang zehn auf Rang vier vorgespült worden. Bei McLaren- Mercedes hatte man ausgerechnet, dass die sinkenden Temperaturen an Glocks Trockenreifen es noch möglich machen mussten, ihn abzufangen. Selbst McLaren-Geschäftsführer Martin Whitmarsh gab aber nachher zu, zu Beginn der letzten Runde gezittert zu haben, ob man sich nicht doch verrechnet hätte.

Aber es reichte: In der letzten Kurve tauchte der schleudernde Toyota plötzlich vor Hamilton auf. Glock bog so langsam in die Kurve ein, dass weder Vettel noch Hamilton Mühe hatten, ihn zu passieren, und er danach sogar Verschwörungstheorien entkräften musste: „Ich habe das definitiv nicht mit Absicht gemacht“, sagte Glock. „In der letzten Runde war es so nass, dass mein Auto praktisch unfahrbar war. Ich hatte keine Chance.“ Hamilton zog vorbei, ganz sicher war er sich in dem ganzen Chaos aber selbst nicht. „Hab ich es geschafft?“, fragte er beim Überfahren der Ziellinie zweimal über den Funk. Es rauschte kurz, und als Antwort kam: „Ja.“ Lewis Hamilton war als Fünfter über die Linie gefahren und hatte einen WM- Punkt Vorsprung vor Massa ins Ziel gerettet. Karin Sturm/Christian Hönicke

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