Sport : Drei Sprünge für eine Million

Die Russin Tatjana Lebedewa kann heute den Jackpot der Golden League ganz allein gewinnen

Friedhard Teuffel

Berlin - Nur noch ein paar Schritte Anlauf und drei große Sprünge, dann wäre Tatjana Lebedewa Millionärin. Bei ihrer Landung weit hinten in der Sandgrube hätte die 29 Jahre alte Russin das höchste Preisgeld verdient, das es in der Leichtathletik gibt. Eine Million Dollar könnte sie gewinnen, so viel liegt im Jackpot für jene Athleten, die bei allen sechs Meetings der Golden League siegen. Bei den fünf Veranstaltungen in diesem Jahr hat sich bislang nur Tatjana Lebedewa schadlos gehalten, und an diesem Sonntag beim Istaf im Berliner Olympiastadion will sie auch zum sechsten Mal gewinnen. Sie wäre erst die zweite, die sich das Preisgeld nicht teilen müsste: Vor zwei Jahren hatte das die 800-Meter-Läuferin Maria Mutola aus Mosambik geschafft.

Wenn Tatjana Lebedewa gewinnt, würde sie nicht nur sich selbst damit einen großen Gefallen tun. Zehn Prozent des Preisgelds, das hat sie sich ausgedacht, möchte sie einem Kindergarten und einer Sportschule in ihrer Heimatstadt Wolgograd schenken. Sie muss nämlich bei ihren öffentlichen Auftritten oft mit einem Vorurteil aufräumen. „Nicht alle russischen Sportler kommen aus Moskau.“ In den Trainingszentren ihrer Heimatstadt Wolgograd, 1000 Kilometer südlich von Moskau, geht es für die Leistungssportler auch nicht so kommod zu wie in der russischen Hauptstadt. „Es ist alles sehr arm“, sagt sie. Ihr selbst fehle es jedoch an nichts. „Ich habe schon ein Haus und ein Auto, eigentlich bin ich reich.“ Was sie daher mit dem übrigen Geld anstellen werde, darüber werde sie mit ihrem Manager beraten. Ein bisschen Vorsorge könnte sie treffen, auch für ihre dreijährige Tochter Anastasia.

Der Sieg bei der Golden League wäre auf jeden Fall ein weiterer Höhepunkt in ihrer außergewöhnlichen Laufbahn als Springerin. Angefangen hatte Lebedewa als Hochspringerin. Bis zu einer Bestmarke von 1,80 Metern hatte sie es gebracht. „Für den Hochsprung war ich aber irgendwann zu klein“, erzählt die 1,71 Meter große Athletin. Also stieg sie auf Weitsprung und Dreisprung um. In diesen Disziplinen hat sie alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Weltmeisterin im Dreisprung ist sie geworden und im vergangenen Jahr in Athen Olympiasiegerin im Weitsprung. Es scheint jedoch, als sei der Dreisprung genau die richtige Disziplin für sie. „Weitsprung ist mir manchmal ein bisschen zu langweilig. Man läuft an und springt nur einmal. Beim Dreisprung kommt es auch noch auf die Technik an.“ Genau wie ihr Vorbild Jonathan Edwards bevorzugt sie flache Sprünge.

Bei ihrer großen Dominanz im Dreisprung kam dann auch die Million der Golden League allmählich auf sie zu. „Am Anfang hat das noch keine Rolle gespielt, aber nach und nach habe ich mich darauf eingestellt.“ Für die Golden League verzichtete sie sogar auf das WM-Finale in Helsinki. Sie hatte sich im Juli in Oslo an der Achillessehne verletzt, ihr Arzt riet ihr zu einer dreiwöchigen Pause. „Die Weltmeisterschaft wäre nichts Neues für mich gewesen, die Golden League ist es schon.“ Damit meint sie nicht nur den Gewinn des Jackpots. „Ich möchte gerne auf einer Stufe mit den Athleten stehen, die bei der Golden League gewonnen haben, also mit Hicham El Guerrouj, Maria Mutola und all den anderen.“

Fehlen würde ihr dann nichts mehr, höchstens noch ein Start in der vierten Sprungdisziplin der Leichtathletik, mit dem Stab. Doch da würde sie es noch nicht einmal bis zur Stadtmeisterin von Wolgograd schaffen. Denn in ihrem Klub trainiert auch die Weltrekordhalterin Jelena Isinbajewa.

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