Sport : Dreimal Gold: Der beste Taktiker besiegt die besten Läufer

Robert Hartmann

Im Augenblick des Triumphes gedachte Nils Schumann eines Ereignisses, das acht Jahre zurückliegt. Es waren die Olympischen Spiele in Barcelona, und Schumann hatte vor dem Fernseher gesessen und sich gewünscht, später einmal Teil dieses Ereignisses sein zu können. "Und jetzt sitze ich hier, jetzt habe ich Gold. Das ist unglaublich." Nils Schumann erlöste am Mittwoch mit seinem Olympiasieg über 800 Meter die deutsche Leichtathletik aus ihrer rätselhaften Erstarrung. Der 22 Jahre alte Thüringer schaffte etwas bisher Einmaliges: Er ist der erste deutsche Sieger auf dieser Mittelstrecke in der 104 Jahre alten Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit.

Mit Schumann gewann der beste Taktiker gegen die besten Läufer der Welt. Und genau in der richtigen Sekunde fiel ihm auch noch das Glück des Tüchtigen zu Füßen. Denn 120 m vor dem Ziel war er auf der Innenbahn eingeschlossen, als der deswegen dann disqualifizierte Italiener Andres Longo den führenden Schweizer André Bucher mit einem deftigen Stoß über die Bahnumrandung in den Innenraum wegrempelte. Dadurch entstand erst eine Lücke, durch die der Deutsche nach vorne stieß. Unterdessen hatte der dänische Weltrekordler Wilson Kipketer kostbare Zeit im hinteren Feld verbummelt, und als er loslegte, erhielt er von einem Gegner einen Tritt mit dem Rennschuh. Außerdem musste er einen viel zu weiten Bogen schlagen. Mitte der Zielgeraden war Schumann schon vorn, und wenn der in Kenia geborene Kipketer auch Zentimeter um Zentimeter aufholte, im Schlepp auch noch den Algerier Aissa Said-Guerni - das Schlussbild besaß auch mit dem bloßen Auge klar erkennbare Umrisse.

Nils Schumann liebt die superschnellen Rennen nicht besonders. Er hatte von Bucher genau das richtige Tempo serviert bekommen, nämlich eine 400-m-Zwischenzeit von langsamen 53,43 Sekunden, und Rennen, die auf 1:45 Minuten hinauslaufen, sind dem Thüringer schon immer die liebsten gewesen. Mit 1:45,08 lag er acht Hundertstel vor Kipketer und zwölf Hundertstel vor Said-Guerni.

Später wurde Schumann gefragt, zu welchem Zeitpunkt er denn an die Goldmedaille geglaubt habe. "Eigentlich während des ganzen Rennens," sagte der Sieger selbstbewusst. "Es war knapp, aber es hat gereicht. Zum Schluss war ich so in Fahrt, dass mir fast die Beine weggeflogen sind." Vorher habe er sich eingeredet, dass "die Jungs keine Übermenschen seien". Als dann bei der Siegerehrung die deutsche Hymne gespielt wurde und das Schwarz-Rot-Gold am mittleren Mast hoch ging, sang Schumann leise mit. "Das hat mir gefehlt in letzter Zeit."

Von dem Trio auf dem Podest verließ er als Letzter das Stadioninnere, und er tat es sehr in sich gekehrt. Die großen Gefühle wollten sich in der ersten Stunde nicht einstellen. Er staunte selbst darüber. "Ich freue mich auf den Zeitpunkt, wenn ich meine Freundin in den Arm nehmen kann und darüber nachdenken kann." Seine neue Freundin ist die aus Ghana stammende Chemiestudentin Amewu Mensah, die am Hochsprung-Wettbewerb teilnimmt.

Schumann, in der Jugend ein Fußballer, hat eine Blitzkarriere hinter sich. Vor zwei Jahren war er noch ein sensationeller Europameister gegen einen allerdings von einer Malaria geschwächten Kipketer geworden. Bei der WM 1999 in Sevilla enttäuschte er mit einem achten Platz. Als er zu Beginn der Sommersaison 2000 seinen Rhythmus nicht fand, zog er sich Anfang Juli für zweieinhalb Monate in ein Trainingslager in Oberhof zurück. Mit Mühe nur hatte Schumann die deutsche Olympianorm (1:46,0 Minuten) geschafft.

"Die ersten Wochen taten ziemlich weh," erzählte Schumann, und er habe die Ruhe fast verloren. Unmittelbar vor den Rennen in Sydney hatte er eine Zwischenbilanz seiner sportlichen Karriere gezogen. "Warum mache ich das? Man muss immer an die Grenzen gehen, man muss sich völlig auskotzen." Wäre das Unternehmen Olympia schief gelaufen, hätte er ein Studium oder eine Lehre begonnen. Mit einer Goldmedaille im Gepäck lässt sich die Zukunft ganz anders angehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben