Sport : Dreiviertel Kraft voraus

Im Berliner Umland bereiten sich die Kanuten Tomasz Wylenzek und Christian Gille auf ihre Goldmission vor

Frank Bachner[Kienbaum]

Wie gewinnt man eine olympische Medaille? Mit Talent, Glück – und vor allem Training. Wir haben einige der besten deutschen Sportler vor den Olympischen Spielen in ihrem Training besucht. Heute Folge 4: Die Kanuten Tomasz Wylenzek und Christian Gille.

Die hautenge Trainingshose von Tomasz Wylenzek ist an der rechten Hüfte zerrissen. „Das waren die Groupies“, sagt er und lacht trocken. Ein Späßchen. Obwohl, bei diesem durchtrainierten Körper, bei diesen muskulösen Oberarmen, vorstellbar wäre das schon. Aber Groupies kann natürlich nur ein Witz sein. Wylenzek ist Kanute, Canadierfahrer genau gesagt, Olympiasieger von 2004 sogar. Aber halt trotzdem Kanute – und die beachtet außer bei Olympischen Spielen niemand. Abgesehen von Kai Vesely natürlich, dem Canadier-Bundestrainer. Er steht vor Wylenzek und Christian Gille und beobachtet, wie sie ihre Boote fertig machen. Gille ist Wylenzeks Partner, zusammen haben sie 2004 Olympiagold über 1000 Meter gewonnen.

Aber jetzt werden sie einzeln paddeln, ein paar hundert Meter zum Warmmachen auf dem Liebenberger See, drei Kilometer unter Belastung auf dem Bauernsee. Die Seen sind nur durch einen Schilfgürtel getrennt, sie liegen in einer idyllischen Landschaft mit vielen Bäumen, Schilf, Vogelgezwitscher und einer herrlichen Ruhe. Am Ufer des Liebenberger Sees, umgeben von riesigen Kastanien, liegt das Bundesleistungszentrum Kienbaum. Eines der vielen Gebäude ist das Bootshaus. Dort packen Gille und Wylenzek jetzt ihre Canadier und stapfen ein paar Treppenstufen zum Holzsteg. Dort schaukelt im leichten Wellengang ein Motorboot. Von dem Boot aus wird Vesely die beiden beobachten.

Wenn Gille und Wylenzek nur eine Einheit „GA 1“, Grundlagen-Ausdauer Stufe 1, absolvierten, wenn sie also nur gemütlich paddelten, könnte er auch am Ufer lesen. Da brauchen sie ihn nicht. Aber heute steht GA 2 auf dem Plan, da wird’s schon heftiger. „75 Prozent Wettkampfgeschwindigkeit“, sagt Vesely. Sie werden den Bauernsee durchqueren, von Ufer zu Ufer, ein Weg sind 1500 Meter. Einmal mit Gegenwind, einmal mit Rückenwind.

Der Himmel ist bedeckt, es ist kühl, Windstärke drei bis vier. Vesely hat eine Sonnenbrille auf der Nase und eine Windjacke um den Oberkörper. Gille und Wylenzek paddeln sich warm, sie müssen zu dem schilfbewachsenen Durchgang, der die Seen verbindet. „Gegenwind“, rufen sie Vesely zu. „Fahrt mehr am Ufer, da ist der Wind nicht so stark“, ruft Vesely zurück. „Nee, nee“, antwortet Wylenzek, „dann ist der Weg ja noch länger.“

Vesely drückt auf seine Stoppuhr und kommandiert „45er, 46er Frequenz wie immer“, 45, 46 Schläge pro Minute. Mit seiner Stoppuhr kann Vesely die Frequenz berechnen. Die beiden tauchen mechanisch ihre Paddel ein. Sie hätten auch in einem Boot paddeln können, schließlich sind sie ein Team, aber im Einer ist die Belastung größer.

Die beiden harmonieren technisch gut. Sie haben die gleiche Paddeltechnik, das haben die Trainer beim Technikstudium herausgefunden. Damit haben die muskulösen Athleten einen optimalen Vortrieb. Vor allem aber ist Gille jetzt vorne, das ist der wichtigste Punkt. Vorne sitzt normalerweise einer, der gut powern kann, der hintere Mann muss dafür mehr steuern. Vor Jahren paddelte Wylenzek vorne, aber das passte nicht. Irgendwann mal ließen die Trainer die beiden ihre Plätze tauschen. Und prompt war das Boot fünf Sekunden schneller. Warum? Tja, warum? Vesely weiß es nicht. Es gibt Dinge, die kann auch er nicht erklären. Aber mit Gille am Schlag sind die beiden zum Olympiasieg geglitten.

Olympiasieger sind sie wohl auch geworden, weil sie sich menschlich mögen. Wer den anderen nicht leiden kann, wird es kaum zu Topergebnissen bringen, trotz sportlicher Harmonie. Gille und Wylenzek teilen sich ein Zimmer, sie können über alles reden, und sie haben eigentlich nie wirklich Streit. „Ein Herz und eine Seele“, sagt Vesely. Obwohl Gille, der 32-Jährige, sieben Jahre älter ist als Wylenzek. In Peking wollen sie gemeinsam ihr zweites Olympiagold holen.

Die beiden haben den schmalen Durchgang zum Bauernsee erreicht. Jetzt wird’s ernst. „Seid ihr warm?“, fragt Vesely. Keine Antwort, nur angedeutetes Kopfnicken. Klar sind sie warm, sie haben gerade ein paar hundert Meter zurückgelegt. Gille und Wylenzek ziehen die Paddel durchs Wasser. Vesely misst ihre Frequenz. „Tomasz 44, Gille 43“, ruft er. „Zwei Minuten“, schreit er, dann: „Drei Minuten.“ Der Wind kommt von schräg von vorne. „43 Tomasz, Gille 42.“ – „Vier Minuten.“ Wenn er die Belastung steigern möchte, lässt er einen Tennisball unter ein Boot montieren. Das hemmt die Geschwindigkeit enorm. Aber jetzt arbeiten die beiden nicht im Grenzbereich. „Beide 44“, ruft Vesely. Die Wettkampffrequenz ist höher.

Gille und Wylenzek haben das Ufer erreicht, 1500 Meter sind absolviert, sie drehen in einem großen Kreis. Dann zurück, wieder 1500 Meter, diesmal bei Rückenwind. Wieder schreit der Trainer die Frequenz, wieder sagt er die Zeit durch.

Veselys Stimme ist das einzige hörbare unnatürliche Geräusch auf und am See. Vögel zwitschern, ansonsten ist alles ruhig. Am Ufer paddeln zwei Schwäne. Gille und Wylenzek sehen sie nicht. Sie haben noch 500 Meter zum Ufer. Wenn sie es erreicht haben, haben sie Feierabend. Sie müssen dann bloß noch gemächlich zum Steg paddeln. Dann beginnt endgültig der gemütliche Teil dieses Tages. Am Abend feiert das Leistungszentrum Kienbaum Sommerfest.

Bisher erschienen: Diskuswerferin Franka Dietzsch (20.7), Sportschütze Ralf Schumann (22.7), Turmspringerin Annett Gamm (24.7).

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