Dressurreiterin Nicole Uphoff-Selke : "Dressur ist nicht gleich dressieren"

Vier Goldmedaillen gewann Nicole Uphoff-Selke mit ihrem Ausnahmepferd Rembrandt bei den Olympischen Spielen 1988 und 1992. Der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN bietet sie ihre Hilfe im Kampf gegen Doping an.

Dressur Nicole Uphoff
Konzentriert. Nicole Uphoff-Selke im Jahr 1998 auf Relevant. -Foto: p-a/dpa

Frau Uphoff-Selke, wie bringt man ein 500 Kilogramm schweres Pferd dazu, graziös eine Pirouette zu drehen?

Um eine Pirouette zu lernen, muss ein Pferd schon rund drei Jahre unterm Sattel sein. Es muss locker und auch stark genug sein, denn für eine Pirouette, wie für alle schwierigen Lektionen, braucht es Kraft. Dann hilft ständige Wiederholung und Lob, wie beim Hundetraining.

Kann der Laie erkennen, ob ein Pferd eine Übung gern und ordentlich geht?

Bei großen Prüfungen sieht man das an der Harmonie und Leichtigkeit. Wenn etwas schlecht läuft, stockt das Pferd.

Der frühere Mannschaftstierarzt der Deutschen, Karl Blobel, hat in einem Zeit-Interview gesagt: „Keine andere Reitsportart ist dem natürlichen Bewegungsablauf des Pferdes so fremd wie die Dressur.“

Das ist komplett verkehrt. Für den WDR haben wir mal eine Sendung gemacht, die erklärt hat, dass Dressur nicht gleich dressieren ist. Dafür haben wir einen Tag lang Hengste auf der Wiese gefilmt, wie sie sich in der Gruppe benehmen oder imponieren wollen, wenn eine Stute vorbeikommt. Im Film wurde das Bild geteilt, sodass auf der einen Seite die natürlichen Bewegungen der Pferde zu sehen waren, auf der anderen Seite ich, wie ich diese nachritt. Es war alles zu sehen: Piaffe, Passage, Seitwärtsgänge. Wenn ein Pferd das nicht könnte, dann könnten wir das auch nicht reiten.

Sie haben erzählt, Ihr Spitzenpferd Rembrandt habe die Olympiaprüfung 1992 in Barcelona alleine beendet. Sie konnten nicht mehr, wegen der großen Hitze.

Er war das beste Beispiel dafür, dass Pferde so etwas auch freiwillig tun.

Ihr Rembrandt war aber auch schreckhaft, genauso wie Satchmo von Isabell Werth. Wie bekommt man so etwas in den Griff?

Rembrandt war nicht wirklich schreckhaft, es war auch Spielerei. Dressurpferde sind Diven. Um so eine außergewöhnliche Leistung liefern zu können, brauchen sie nicht nur unheimlichen Ehrgeiz – sondern eben auch ein bisschen Verrücktheit.

„Mein Pferd ist auch nur ein Mensch“, das Zitat stammt von Ihnen. Wie viel Menschlichkeit braucht der Umgang mit Pferden?

Man braucht Einfühlungsvermögen. Die große Kunst in der Dressur ist es, die individuelle Persönlichkeit eines Pferdes zur Geltung kommen zu lassen. Ein Pferd kann ebenso viel Charakter haben wie ein Mensch, kann sehr intelligent sein oder ganz dumm.

Aber Berufsreiter haben viele Tiere unterm Sattel. Können sie individuell auf jedes Pferd eingehen?

Das ist ein Teufelskreis. Ich konnte es mir leisten, höchstens sechs Pferde zu bereiten. Das Problem vieler Berufsreiter ist, dass sie nicht so viel Geld nehmen können und den Verdienst durch eine Masse an Pferden wettmachen müssen.

Rembrandt gehörte Ihnen, Sie haben ihn auch selbst ausgebildet.

In der Dressur kommt man weiter, wenn man ein Pferd jung bekommt und selber ausbildet. Aber die meisten reiten fremde Pferde, die von Sponsoren zur Verfügung gestellt werden, und sind damit von den Besitzern abhängig.

Es gibt das Vorurteil, Dressurpferde dürften nie auf die Weide.

Da gehen die Meinungen auseinander. Mir hat man schon damals gesagt: Stell dein Pferd nicht auf die Weide, dann fällt es auseinander.

Um Gottes Willen!

Man muss ein Pferd rund reiten. Es sollte den Hals rund halten und sich auf der Hinterhand tragen, also Körperspannung haben. Auf der Weide sollte es die angeblich verlieren. Was für ein Blödsinn. Wenn ich einem Tier Abwechslung und Freiheit gönne, bekomme ich viel mehr zurück.

Sie haben immer für Pausen nach Wettkämpfen plädiert. Hat man auf Sie gehört?

Die großen Reiter stellen ihre Pferde nicht bei allen Turnieren vor, sondern nur in den nötigsten Prüfungen. Die Pferde verlieren sonst den Spaß.

Isabell Werth ist nach Dopingvorwürfen bei der EM nicht am Start. Wäre etwas wie die Zitterkrankheit, die Werths Whisper offenbar hat, und deren Behandlung zu den Vorwürfen führte, für Sie ein Grund, ein Pferd nicht auf Turnieren vorzustellen?

Das kommt aufs Stadium an. Ich hatte früher selber ein Pferd mit dieser Krankheit. Das war aber kaum zu merken, nur wenn er vorne einen Fuß heben sollte. Die schwere Entscheidung ist ja: Ab wann ist so etwas nicht mehr in Ordnung.

Glauben Sie, dass die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN mit der Dopingproblematik angemessen umgeht?

Das Verhalten einiger Verbandsfunktionäre ist momentan nicht vorteilhaft für den Reitsport. Internationaler und nationaler Reitverband arbeiten hoffentlich an klaren Regeln. Um unsere Berufsgrundlage und die Glaubwürdigkeit des Sports zu erhalten, biete ich dafür auch gerne meine Mitarbeit an.

Können Sie die Versuchung nachvollziehen, vor einer wichtigen Prüfung aus falschem Ehrgeiz ein Beruhigungsmittel verabreichen zu wollen?

Den Wunsch hatte ich garantiert auch mal, insofern kann ich die Idee nachvollziehen. Jeder möchte Erfolg haben, das ist menschlich. Trotzdem könnte ich das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Hätte ich eine Prüfung so gewonnen, ich wüsste nicht, ob ich mich drüber hätte freuen können.

Das Gespräch führte Katja Reimann

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