Drogen : Sich selbst enteilt

Ein Spielfilm erzählt die Geschichte des früheren Junkies Andreas Niedrig, den der Triathlon gerettet hat.

Frank Hellmann
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Karriere wie im Kino. Andreas Niedrig kam mit 22 Jahren aus der Entziehungskur, nun ist er noch mit 40 beim Ironman dabei. -Foto: ddp

Eigentlich ist es fast unmöglich, die Lebensgeschichte des Andreas Niedrig noch nicht zu kennen. Zwar kommt die ergreifende Vita des 40 Jahre alten Triathleten – früher Junkie, heute Ironman – unter dem Titel „Lauf um dein Leben“ erst heute in die deutschen Kinos, doch in der Öffentlichkeit ist er längst präsent. Morgen- und Mittagsmagazine sowie viele Talkshows produzieren Formate mit dem Mann aus Oer-Erkenschwick im Mittelpunkt. Niedrig ist offenbar vielfach filmreif und allzeit auskunftsbereit.

„Der Film erzählt die Geschichte meines bisherigen Lebens mit allen Höhen und Tiefen. Ohne Kitsch und ohne Lüge“, erzählt Niedrig am Telefon. „Der Film ist etwas überspitzt, aber es ist nichts zugedichtet worden“. Niedrig wird von Max Riemelt gespielt, Uwe Ochsenknecht mimt seinen Trainer.

Sein Lebenslauf hält allen Stoff parat, den ein besseres Biopic braucht. Niedrig nahm schon als Jugendlicher Drogen. Er stahl, er spritzte sich Heroin, er fuhr gegen einen Baum und war fast tot. Mit 19 Jahren. Mit 22 kam er aus der Entziehungstherapie. Geheilt. Weil ihn sein Vater beim Waldlauf abhängte, entwickelte er plötzlich einen sportlichen Ehrgeiz, den Küchenpsychologen alsbald als die nächste Sucht deuteten. Ein Vorwurf, gegen den Niedrig heute noch ankämpft: „Ich habe nicht einfach eine Sucht gegen die andere ausgetauscht.“

Vielmehr habe ihn der Sport vor allem das Krisenmanagement gelehrt, und dafür taugt kaum eine Sportart so gut wie die Strapaze Ironman, die über die Distanzen von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen den Körper und Geist in allen Facetten fordert. Niedrigs Lebensdevise heißt bis heute: Man kann fast alles erreichen, wenn man will.

Er selbst ist das beste Beispiel: 1997 in Roth bewältigte er seinen ersten Ironman – so schnell wie nie zuvor ein so genannter Rookie, ein Einsteiger. 8:03:54 Stunden. Eine Weltsensation. In Roth wurde Niedrig dreimal Dritter und einmal Zweiter. Schon damals wurde Niedrig medial inszeniert, „nur da habe ich meine Geschichte immer nur erzählt und überhaupt nicht kapiert, welche Botschaft dahinter steckt“.

Im aktuellen Rummel ist fast untergegangen, dass Niedrig auch ein sportliches Achtungszeichen gesetzt hat: Vor knapp zwei Wochen beim Ironman Südafrika wurde er in 8:51 Stunden auf Anhieb Neunter. Dabei hatte der dreimalige Hawaii-Starter (beste Platzierung: Siebter 2001) 2006 seine Karriere schon beendet. Eine eigentlich harmlose Entzündung am Schleimbeutel verkomplizierte sich so sehr, dass beinahe eine Amputation des Fußes drohte. Neunmal musste Niedrig operiert werden und verzweifelte vorübergehend. „Ich hatte nie an einen Rückfall gedacht, doch in diesen Tagen verlor ich die Lust am Leben“, schrieb er dazu in seinem Buch. Damals hat er sich psychologisch helfen lassen, und heute hilft er. Prinzip Zukunft heißt sein simples Konzept, das er Schülern und Jugendlichen näher bringen will. Mit Vorträgen, Seminaren und Workshops zur Suchtprävention ist Niedrig mittlerweile Wochen im voraus ausgebucht.

Es ist eine mitunter bizarre Doppelrolle, in der sich Niedrig bewegt. Einerseits spielt er den Medienstar, der bereitwillig erklärt, wie geschockt seine 19 Jahre alte Tochter zunächst auf den Film reagiert hat. Andererseits möchte er gerade jetzt noch einem alles in den Leistungssport investieren. Die Deutsche Triathlon-Union hat ihn gerade für die Langstrecken-Weltmeisterschaft nominiert, und Niedrig kündigt übermütig an, alles dafür zu tun, einmal der Beste in meinem Sport zu sein. Dafür müsste er fast eine Stunde schneller werden, ein unmögliches Unterfangen in seinem Alter. Unter den Profiathleten wird seine Medienpräsenz teilweise auch kritisch gesehen, und trotzdem ist sich die Triathlonszene einig: Der Film ist für sie ein Muss.

Der Film läuft in Berlin in den Kinos Cinemaxx am Potsdamer Platz, Cinestar Tegel, Colosseum, Cubix am Alexanderplatz, Cinestar Hellersdorf, Kinowelt am Eastgate und im Zoo-Palast.

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