Sport : Drohung zum Abschied

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Von Daniel Pontzen

München. Es war ein seltsames Gefühl, das die Spieler des FC Bayern beschlich, so, als hätte der Erfolg die Scheidung eingereicht. Seit einigen Jahren hatte er einen unzertrennlichen Bund mit dem Rekordmeister geschlossen, stand in aussichtslosen Momenten zu ihm, doch zuletzt hatte der FC Bayern zu wenig für die Beziehung getan. Und beim letzten Versuch, sich aufzuraffen, hatte man sich schon zu sehr auseinander gelebt. Sie kamen sich ein wenig verlassen vor, die Münchner, nach diesem unseligen Sonnabendnachmittag, dem letzten Spieltag, der in den letzten Jahren verlässlich Auslöser rot-blauer Jubelarien gewesen war.

Einer, der den Erfolg besonders gern mag, Oliver Kahn, wollte sich nicht damit abfinden, dem Nebenbuhler aus Dortmund längerfristig Platz zu machen: „Natürlich tut das weh, wenn du sie mit der Schale siehst. Doch urplötzlich wird man wieder richtig hungrig. Man freut sich unheimlich, wieder anzugreifen, nächste Saison.“ Es dauerte nicht lange, bis trotziger Ehrgeiz die Niedergeschlagenheit verdrängt hatte.

Zuvor hatte der Titelverteidiger alle Register gezogen, um die feindliche Übernahme der Vorherrschaft im deutschen Fußball im letzten Moment doch noch abzuwenden. „Dass wir unser Spiel gewinnen, war klar“, sagte Kahn – das klappte tatsächlich recht reibungslos beim 3:2 über Rostock. Doch es waren nicht allein sportliche Anstrengungen, die der FC Bayern unternahm. „Verbales Ballyhoo“ nannte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Sprüche, die man der Konkurrenz im Vorfeld ausgerichtet hatte. So nette Begriffe wie Psychohölle und unmenschlicher Druck hatten da Verwendung gefunden. „Beinahe hätte es geklappt“, sagt Rummenigge. Beinahe.

Am Ende steht Platz drei, Champions-League-Qualifikation. Klingt, als würde man Michael Schumacher einen Zweijahresvertrag in der Formel 3 anbieten. Dennoch hielt sich die nach außen getragene Enttäuschung in Grenzen: „Die Saison ist so gelaufen, wie ich es zuvor vermutet hatte. Wir haben uns ein wenig blenden lassen von den guten Leistungen im Herbst“, sagte Manager Uli Hoeneß. Damals, nach neun Siegen in Folge, „haben wir gedacht, wir können den Umbruch schnell wegstecken“.

Dabei codieren die Zahlen ein durchaus passables Spieljahr: 68 Punkte, fünf mehr als im Vorjahr; 25 Gegentore, die wenigsten der Liga; 19-mal ohne Gegentor, nie zuvor gab es eine bessere Quote. Vielleicht zeigten sich die Fans gerade deshalb so nachsichtig und kürten ihren FC Bayern kurzerhand zum neuen „Meister der Herzen". Ein Etikett, auf das Hoeneß lieber verzichtet, „denn das sind meistens die, die verloren haben“. Doch greifbare Angst, dass sich der Erfolg der Magnetkraft des FC Bayern längerfristig erwehren kann, hat Hoeneß nicht. „Wir bekommen mit Ballack und Deisler zwei Spieler, die Torgefahr aus dem Mittelfeld ausstrahlen – das hat uns diese Saison gefehlt.“ Abgesehen von einer Verpflichtung des Leverkuseners Zé Roberto und eines „jüngeren guten europäischen Abwehrspielers“ hält Hoeneß eine weitere Veredelung des Kaders für überflüssig. „Wenn jeder unserer jetzigen Spieler 15 Prozent besser spielt als diese Saison, werden wir nächstes Jahr ziemlich klar Meister.“

Töne, die Oliver Kahn gefallen. Bevor er das Olympiastadion verließ, wagte er einen Blick in die Zukunft. Seine Ahnungen verheißen nichts Gutes für die Konkurrenz: „Nächstes Jahr stehen wir hier, und man wird uns fragen, wie es möglich war, drei Titel zu gewinnen.“ Er meint es ernst. Er will ihn zurück, den Erfolg, so schnell wie möglich. Da kennt er keinen Spaß.

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