Druck auf Hertha : Es geht immer um Marko Pantelic

Mit seinen beiden Toren gegen Frankfurt hat der Stürmer den Druck auf Hertha BSC noch einmal erhöht. An guten Tagen erinnert seine Rhetorik an Giovanni Trapattoni - und ein bisschen an Lothar Matthäus.

Sven Goldmann
Pantelic
Herthas Stürmer Pantelic beherrscht auch die große Geste. -Foto: dpa

Berlin - Hat Marko Pantelic heimlich zu Hause geübt? Nicht das Toreschießen, aber die Nachbereitung. Zum Beispiel für die Choreographie am Samstag um kurz vor vier. Gerade ist ihm das erste seiner beiden Tore zum 2:1-Sieg von Hertha BSC über Eintracht Frankfurt geglückt. Pantelic stürzt kopfüber dem Ball hinterher ins Tor, noch im Aufstehen wickelt er die Hände um die Ohren, nicht ganz so, wie Luca Toni, aber eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Dann stopft er sich den Ball unter das Trikot und läuft zur nächsten Fernsehkamera, er bückt sich und brüllt aus nächster Nähe direkt ins Objektiv. So hat das mal der späte Diego Maradona gemacht. Große Stürmer haben große Vorbilder.

Vielleicht übt Marko Pantelic seinen Torjubel vor dem Spiegel. Die Sätze danach sind offensichtlich nicht einstudiert. An guten Tagen erinnert seine Rhetorik an Giovanni Trapattoni und ein bisschen an Lothar Matthäus. Auch Pantelic spricht von sich selbst gern in der dritten Person. „Es geht nicht um Marko“, sagt er nach dem Spiel gegen Frankfurt. Das ist eine Lüge, es geht Marko Pantelic immer um Marko Pantelic, erst recht, wenn er zwei so wichtige Tore geschossen hat wie im ersten Spiel der Bundesliga-Rückrunde. Voilà, eine Zusammenfassung dessen, was Herthas serbischer Stürmer am Samstag den Mikrofonen und Kameras alles anvertraut hat: Der Marko würde gern bis an sein Lebensende in Berlin bleiben, denn die junge Hertha-Mannschaft hat eine Riesenperspektive, und die beiden Tore waren natürlich sehr schön und wichtig, sie bedeuten aber nicht, dass der Marko jetzt gleich für den nächsten Tag ein neues Vertragsangebot erwartet.

Das klingt zurückhaltender, als es gemeint ist, denn Bescheidenheit gehört eher nicht zu seinen Stärken. Dafür ist Pantelic dribbel- und kopfballstark, er hat Instinkt und Durchsetzungsvermögen. Auch in dieser Saison, keineswegs seine beste im Trikot von Hertha, führt Pantelic die interne Schützenliste mit sechs Toren an. Es waren wichtige Tore darunter wie der spektakuläre Flugkopfball kurz vor Schluss zum 2:1 gegen Köln. Oder die beiden gegen Frankfurt, das erste ein Abstauber, erzielt mit der Intuition eines im Zweifel richtig stehenden Stürmers, das zweite ein perfekter Distanzschuss nach perfektem Dribbling. Dazu hat er noch einen Elfmeter herausgeholt, den der brasilianische Kollege Cicero kraft- und lieblos verschoss.

Lange hatte Hertha nach einem Nachfolger für den 2003 zurückgetretenen Michael Preetz gefahndet. Zwei Jahre nach dessen Wechsel vom Strafraum in die Geschäftsstelle kam Pantelic. Schon im ersten Spiel gegen Wolfsburg schoss er sein erstes Tor, 43 weitere sind in den folgenden 103 Bundesligaspielen dazugekommen. In dieser Saison ist jedes Tor, das Pantelic schießt, ein Nadelstich gegen Lucien Favre – erst recht im Berliner Olympiastadion, wo ihn die Fans den Serben lang anhaltenden Sprechchören feiern. Vom Berliner Trainer ist bekannt, dass er nicht allzu viel hält von Pantelic. Vom Menschen Pantelic, der ihn mal so übel beleidigt hat, dass Favre ihn sofort und für immer aus der Mannschaft werfen wollte.

Gegen den Stürmer Pantelic aber lassen sich schwerlich Argumente finden, wenn er so effektiv spielt wie gegen Frankfurt. Mag sein, dass er das Spiel zuweilen langsam macht, dass er manchmal zu egoistisch und fast immer zu theatralisch auftritt. Aber was ist das schon gegen seine Tore? Mit jedem erhöht Pantelic den Druck auf den Trainer. Favre wird erklären müssen, warum er mit dem Garant des Aufschwungs bis auf Platz zwei der Bundesliga nicht mehr zusammenarbeiten will. Der in absehbarer Zukunft ebenfalls scheidende Manager Dieter Hoeneß lässt schon längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand anklingen, ein bisschen mehr Dankbarkeit würde dem Trainer ganz gut zu Gesicht sehen. Im Gegenzug sagt Pantelic, er könne sich Hertha ohne Hoeneß gar nicht vorstellen, und der Manager möge sich das mit dem Rücktritt doch bitte noch mal überlegen.

Wahrscheinlich wird Pantelic selbst seinen Trainer vom Druck der Rechtfertigung befreien, mit seinen Vorstellungen von der Ausgestaltung eines neuen Vertrags. Angeblich verlangt der bald 31-Jährige einen mit vier Millionen Euro jährlich dotierten und bis 2013 laufenden Vertrag. Das dürfte sich der finanziell klamme Verein kaum leisten können. Favres Kunst wird darin bestehen, seinen ungeliebten Torjäger für die noch ausstehenden 16 Spiele auf Betriebstemperatur zu halten. Nach dem Spiel gegen Frankfurt sagte der Trainer, Pantelic habe es trotz durchwachsener Vorbereitung verdient zu spielen. Der Job eines Trainers sei es nun mal, „das Beste für die Mannschaft zu tun“. Daraus und aus dem Verlauf des Spiels gegen Frankfurt lässt sich schlussfolgern, dass Hertha zurzeit nichts Besseres als Pantelic passieren kann.

Dann aber sagt Favre noch, das Spiel am Freitag gegen Bielefeld sei „eine ganz andere Sache“. Vielleicht spielt er damit auf das dick bandagierte Knie an, mit dem Pantelic am Samstag vor die Kameras tritt. „Alles tut weh“, sagt er und erzählt von drei Tritten gegen Knöchel und Knie, „den ersten beim ersten Tor, den zweiten beim Elfmeter, den dritten bei einem Konter kurz vor Schluss“. Am Montag soll eine Magnetresonanztomographie angefertigt werden, Herthas Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher glaubt nicht, dass es etwas wird mit einem Einsatz in Bielefeld.

Als Pantelic gegen Frankfurt ausgewechselt wird, verschafft sein hinkender Weg über den halben Platz den müden Berlinern eine zwei Minuten lange Erholungspause. Der theatralische Abgang einer Diva? Ein paar Minuten später ist Schluss, das Publikum feiert, die Spieler tanzen auf dem Rasen, nur Marko Pantelic, der Held des Nachmittags, entsagt allen Huldigungen und humpelt in die Kabine. Es sieht wirklich nicht gut aus für Bielefeld.

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