Sport : DTB-Pokal in Stuttgart: Im Wimbledon des Kunstturnens

Jürgen Roos

Die Schleyerhalle bebte. "Papa was a rolling stone ..." in voller Lautstärke - das Stück passte. Gerade hatte Marius Toba aus Hannover seine Ringeübung beendet, die viele Luftrollen enthielt. 6500 Zuschauer fanden die Übung toll. Und die Musik. Minuten lang klatschten sie im Rhythmus mit. Turn-Wettkämpfe sind steif und angestaubt? Nicht der DTB-Pokal in Stuttgart, das etwas andere Weltcup-Turnier.

Robert Baur hat sich an die Disko-Stimmung gewöhnt. 17 Jahre lang hat der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes den DTB-Pokal hoch gepäppelt, heute hat Stuttgart eines der erfolgreichsten Turnturniere, die es gibt. Fast 20 000 Zuschauer werden jedes Jahr an den drei Wettkampftagen gezählt, von den Stars der Szene sagen nur wenige ab. Sieben Olympiasieger gingen am vergangenen Wochenende an die Geräte. Der weißrussische Ex-Weltmeister Ivan Ivankov hat Stuttgart mal als Wimbledon des Kunstturnens bezeichnet. Ein gewagter Vergleich, der Robert Baur trotzdem gut tat.

Die neueste Idee: Stuttgart schloss sich mit den Turnieren in Cottbus, Montreux und Budapest zu den "Great Four" zusammen, den höchstdotierten Turnieren in der Weltcup-Serie. Eine Marketing-Idee, denn im Block lassen sich zum Beispiel die Fernsehrechte besser verkaufen. Aber auch die Sportler können mehr Geld verdienen. Die Stuttgarter Ideen der letzten Jahre haben den Turnsport noch in anderer Weise beeinflusst. Beim DTB-Pokal wurden bereits 1993 nur einzelne Geräte und kein Mehrkampf mehr geturnt. Dieses Wettkampfformat hat sich durchgesetzt. "So können sich ältere Turnerinnen und Turner auf Spezialgeräte konzentrieren und länger international dabei bleiben", sagt Baur. Der Ungar Szilvester Csollany ist so ein Fall. Der 30-Jährige geht im Weltcup nur noch an die Ringe, und bei den Olympischen Spielen gewann er trotz seines hohen Alters die Goldmedaille an seinem Spezialgerät.

Dass Kunstturnen dem Laien so schwer vermittelbar ist, das ist Robert Baurs größtes Problem. Bei den "Great Four"-Turnieren turnen deshalb acht Finalteilnehmer zunächst die beiden Besten aus. Sie treten im Finale noch einmal gegeneinander an. Die Zuspitzung auf diesen Zweikampf, das war es, was gefehlt hatte. Den Zuschauern in der Halle wird der Wettkampf derweil als Spektakel präsentiert. Damit ja keiner auf die Idee kommt, Turn-Wettkämpfe seien steif. Die Zeiten sind in Stuttgart passé.

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