Sport : Duell mit Ausblick

Gegen den FC Schalke 04 will Hertha BSC endlich wieder auf Augenhöhe mit den Topklubs spielen

Stefan Tillmann

Berlin - Kevin-Prince Boateng zeigt kein großes Interesse an der Wahl zum Abgeordnetenhaus am Sonntag. Zum Gang an die Wahlurne bleibt dem 19-Jährigen auch nicht viel Zeit. Ein Spaziergang steht für die Fußballprofis des Bundesligisten Hertha BSC auf dem Programm. Dann folgt das Bundesligaspiel gegen den FC Schalke 04 um 17 Uhr im Olympiastadion. „Für die Fans ist es das Spiel des Jahres“, sagt Boateng. Entsprechend wollen sie kämpfen. Die Berliner wollen den Sonntag vor 60 000 Zuschauern zum Festtag machen. Nach dem zähen Ausflug unter der Woche im Uefa-Cup beim 2:2 gegen Odense BK hat Hertha keine andere Wahl, als das Glück im Bundesligaalltag zu suchen.

„Schalke ist ein absolutes Spitzenteam“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß, da seien die Rollen anders verteilt als gegen Odense. Mit Schalke kommt ein Verein, der in den vergangenen Jahren zum Topklub in der Bundesliga gewachsen ist. Hertha hat derlei Ambitionen fürs Erste aufgegeben. Am Sonntag wird das Team zumindest 90 Minuten versuchen mitzuhalten, um nicht ins Mittelmaß der Liga abzurutschen. „Die Sorglosigkeit aus dem Odense-Spiel können wir uns gegen Schalke nicht leisten“, sagt Herthas Trainer Falko Götz. Die Dänen stellten über weite Strecken des Spiels die bessere Mannschaft und könnten durchaus die Endstation der europäischen Ambitionen der Berliner werden. Das Rückspiel am 28. September wird es zeigen. Aber jetzt geht es um das Spiel gegen Schalke. Hertha sieht das als eine Möglichkeit, sich endlich wieder auf Augenhöhe mit einer Spitzenmannschaft zu zeigen. „Wer positioniert sich da oben?“, fragt Hoeneß vor dem Spiel. Bei einem Sieg zöge Hertha in der Tabelle an Schalke vorbei. Ein begeisterndes Spiel brächte nach der Trauerkulisse gegen Odense wieder die seit langem erhoffte Euphorie.

Tatsächlich schwingt immer noch Unsicherheit bei den Hertha-Fans mit. Noch weiß niemand so ganz genau, wie stark die Mannschaft in diesem Jahr nun eigentlich ist. Zu trübe waren die internationalen Auftritte, zu groß ist die Gefahr, dass die Mehrfachbelastung dem jungen und kleinen Kader schadet. Nach dem „rustikalen Spiel“ (Götz) bei Darmstadt 98 im DFB-Pokal fehlte im Europapokal die Spritzigkeit in den Zweikämpfen. Sofian Chahed konnte den verletzten Pal Dardai nicht ersetzen und verschuldete beide Tore. Gegen Schalke ist Dardai wohl wieder fit – und Chahed nach der Gelb-Roten Karte im vergangenen Bundesligaspiel beim HSV gesperrt.

Für Trainer Götz wird es leichter, weil sein Team nicht in der Favoritenrolle stecke. „Schalke spielt ganz anders mit“, sagt er mit Blick auf die Spiele im Europapokal, wo die Berliner spielerisch vermeintlich unterlegene Mannschaften nicht beherrschen konnten. Zudem fällt den Spielern die Motivation im Bundesligaalltag mittlerweile leichter. Das Spiel gegen Schalke ist für die Fans jedes Jahr etwas Besonderes.

Die Rivalität beider Klubs geht zurück in die frühen Siebziger, als ein Pokalspiel, das Hertha eigentlich gewonnen hatte, letztlich für Schalke gewertet wurde. Die Schalker hatten Protest eingelegt, weil ein Berliner Spieler, der gesperrt war, mit einer einstweiligen Verfügung spielte. Während die Schalker mit Dortmund genug Rivalität pflegen, ist es für Berlin aufgrund fehlender Nachbarschaftsduelle eine willkommene Abwechslung. Ein Trainer müsse vor so einem Spiel nicht viel machen, sagt Götz: „Die Spieler haben die Aufgabe, sich in die Stadionatmosphäre reinzufressen“. So gesehen hat Götz zuletzt seinen Job nicht gut gemacht, als die Atmosphäre mau war und er seine Motivation für den Uefa-Cup nicht weitergeben konnte.

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