Sport : Duell mit Musik

Michael Hönemann liefert sich heute mit Manfred Zwiener das mit Spannung erwartete Saisonfinale um das Traber-Championat

Heiko Lingk

Berlin. Auf der Trabrennbahn Mariendorf kommen die siegreichen Fahrer in den Genuss einer Besonderheit. Nach jedem Rennen wird bei der Siegerehrung die Musik ganz nach dem individuellen Geschmack des Ersten zusammengestellt. Wenn dann zum Beispiel der Hit „Final Countdown“ der Popgruppe Europe aus den Bahnlautsprechern dröhnt, ist das fast immer ein Zeichen dafür, dass der Trabertrainer Daniel Drechsler gerade wieder mal eine Prüfung gewonnen hat.

Drechsler gehört seit Jahren zu den Top Ten der Traberszene – aber die Musik am letzten Renntag der Saison werden an diesem Sonntag wohl andere machen. Denn die Veranstaltung, die heute um 13 Uhr beginnt, steht ganz im Zeichen des Duells zwischen Manfred Zwiener und Michael Hönemann. Schon seit Wochen liefern sich die beiden Fahrer einen harten Konkurrenzkampf um das Berliner Sulky-Championat. Vor zwei Tagen hat der ehemaligen Europameister Zwiener in diesem Duell einen minimalen Vorteil für sich herausgeholt: Mit der fünfjährigen Stute Sunny Hanover gewann er am Freitag in Hamburg ein Rennen und liegt nun mit einem einzigen Zähler Vorsprung vor Hönemann in Front. 165 zu 164 Siege – so lautet die Saisonbilanz zu seinen Gunsten.

Allerdings hat Michael Hönemann seit Jahren immer dann Nervenstärke bewiesen, wenn es richtig eng wurde. Rein von der Papierform her sind sich die beiden Gegner nahezu ebenbürtig. In den insgesamt 14 Rennen sind die Chancen zwischen den beiden Titelfavoriten sehr ausgewogen verteilt. Entscheidend könnten heute gleich die ersten Rennen werden: Ähnlich wie ein frühes Tor im Spiel auf dem grünen Rasen ist ein schneller Erfolg auch für einen Fahrer im Sulky ein entscheidender psychologischer Faktor. Der neunmalige Champion Michael Hönemann lässt nichts unversucht, seinen Gegenspieler schon vorher aus der Ruhe zu bringen: „Zwiener soll ruhig angreifen. Immer dann, wenn ich besonders unter Druck stehe, bin ich auch besonders gut.“

Vielleicht passt daher die von ihm ausgewählte Erfolgsmusik ganz gut zu diesem Motto. Jedes Mal, wenn Michael Hönemann auf die Siegerparade geht, ertönt aus den Lautsprechern Tina Turners Song „Simply the best“ – wie treffend für die zurückliegende Dekade des Berliner Trabrennsports. Hönemann gab den Ton an. Im Duell gegen Manfred Zwiener ging er stets als Sieger vom Platz. Bis auf eine Ausnahme: das Championat des Jahres 1999. Doch kommt jetzt die Wachablösung? Zwieners Mariendorfer Triumphsong klingt nun wahrlich nicht nach einer Herausforderung: „Ob-la-di, Ob-la-da“ von den Beatles verspricht viel eher Gemütlichkeit. Die Realität in den Rennen sieht anders aus. Der ehemalige Europameister, der ansonsten taktisch defensiv eingestellt ist und auf die Schwächen seiner Konkurrenten wartet, verblüffte das Publikum in den vergangenen Wochen mit aggressivem Fahrstil.

Erst nach dem 14. Rennen wird der Kampf um das Championat zwischen diesen beiden Sulky-Fahrern wohl entschieden sein. Beim zweiten Höhepunkt des heutigen Mariendorfer Saisonfinales gestaltet sich die Ausgangslage indes völlig anders: Silja Henning braucht ihre Nervenstärke nicht mehr zu beweisen. Mit konstanten Leistungen setzte sich die Amazone innerhalb des Junior Cups von allen Gegnern ab. Der Gesamterfolg in dieser Sonderwertung, die über die komplette Saison ausgetragen wurde, ist ihr bereits vor dem zehnten und letzten Lauf nicht mehr zu nehmen. Dabei ist die 30-Jährige eigentlich keine Juniorin mehr. Doch der Wettbewerb ist auch für Sportler gedacht, die erst seit kurzem über eine Fahrerlaubnis verfügen. Diese Lizenz hatte Silja Henning, die als Pflegerin schon lange Topleute wie Hönemann in der Vorbereitung ihrer Pferde unterstützt, eher notgedrungen erworben. Denn vor richtigen Rennen hatte sie großen Respekt. Mit den ersten Erfolgen kam die Leidenschaft. Jetzt sieht die Amazone die Lage anders: „Im Sulky zu sitzen, macht süchtig.“

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