Sport : Dünner Halt

Wie Bundestrainer Andreas Hirsch die Querschnittslähmung seines Turners Ronny Ziesmer verarbeitet

Frank Bachner[Kienbaum]

Als Andreas Hirsch völlig am Ende war, ging er zum Friseur. Er setze sich in den Sessel, und die Friseurin fragte freundlich: „Welchen Schnitt wollen Sie?“ Hirsch blickte sie gleichgültig an. „Wissen Sie was, Sie haben eine Schere in der Hand, machen Sie, was Sie wollen.“ Danach war Schweigen. Hirsch holte an diesem Tag auch noch Kontoauszüge ab. Aber sie interessierten ihn nicht. Am Morgen hatte er versucht auszuschlafen. Geschafft hat er es nicht. Vieles, was er sich vornahm, wollte einfach nicht klappen. „Ich war total leer.“

Das Wochenende hatte er noch irgendwie durchgestanden. „Obwohl ich dachte, mir platzt die Birne.“ Er musste noch zum Länderkampf nach Schwäbisch Gmünd zwischen Deutschland, Italien und Rumänien. Hirsch ist der Bundestrainer der deutschen Turner. „Ich stand unter Schock, aber ich habe es in diesem Moment nicht gemerkt“, erzählt Hirsch. Er funktionierte einfach, und vielleicht war das gerade gut. So konnte er die Bilder verdrängen von Ronny Ziesmer, dem Turner, der einige Tage zuvor noch auf dem Sprung zur internationalen Spitze war. Jetzt lag Ziesmer im Unfall-Krankenhaus Berlin, querschnittsgelähmt vom Hals an. Ziesmer war nach einem Tsukahara mit Doppelsalto auf dem Kopf gelandet. Ein tragischer Unfall im Leistungszentrum Kienbaum. Der Bundestrainer stand daneben.

Hirsch sitzt jetzt wieder in Kienbaum, in einem Wintergarten am See. Er blickt oft aus dem Fenster beim Reden, häufig knetet er seine Finger. Irgendwann lächelt Hirsch plötzlich und sagt dann fast lustvoll: „Die Sonne geht wieder auf.“ Das sagt er vor allem zu sich.

Der Trainer steht jetzt nicht mehr nur vor vielen Fragen und Selbstvorwürfen. Er spürt Optimismus. Hirsch sagt: „Ronnys derzeitiger Zustand ist nicht der Endzustand.“ Diesen Satz wiederholt er vier, fünf Mal und unterstreicht ihn mit entschlossenen Blicken. Hirsch, das wird klar, will es einfach glauben. Nichts gibt ihm Gewissheit. Die Ärzte jedenfalls machen Ziesmer keine Hoffnung.

Aber Hirsch ist fest davon überzeugt, seit er Ziesmer besucht hat. Beim ersten Mal sprachen sie kaum drei Worte. „Ich habe ihn gesehen, aber nicht wirklich besucht.“ Am nächsten Tag ging er wieder hin, „mit wackligen Knien“. Hirsch steht vom Sofa auf und stellt die Szene nach. „Ach, Herr Hirsch, Sie sind’s“, hatte Ziesmer gesagt, so als würde ein Bekannter zum Biertrinken vorbeikommen. Im Krankenzimmer redeten sie dann, eine Stunde lang. Irgendwann flüsterte Ziesmer plötzlich: „Herr Hirsch, schauen Sie mal die Krankenschwestern da drüben. Die haben einen brutal harten Job. Ich könnte das nicht.“ Hirsch ist immer noch ergriffen. „Da liegt er querschnittsgelähmt und macht sich Gedanken über die harte Arbeit der Krankenschwestern.“ Diese Einstellung hat ihn beeindruckt. „Der verkörpert das Gegenteil von Aufgeben. Das ist faszinierend.“ Für ihn, den 20 Jahre Älteren, muss die Situation fast schon etwas Beschämendes gehabt haben. „Ronny hat mir gegeben, was ich ihm eigentlich geben wollte.“ Lebensmut und Kraft in einer besonders schwierigen Situation.

Aber wie viel Kraft hätte Hirsch, bei allem guten Willen, wirklich geben können in dieser Stunde? Er hatte schließlich selbst kaum Kraft, alles durchzustehen. Und er musste Entscheidungen treffen. Es gab Trainer, die rieten ihm, den geplanten Länderkampf wegen Ziesmers Unfall abzusagen. Andere sagten, er müsse ihn durchziehen. „Da stehst du mit dem Rücken zur Wand.“ Schließlich fragte er die Turner. Kein anderer, sagt Hirsch, hatte das Recht zu entscheiden. Die Turner wollten antreten. Hirsch hatte jeden zudem gefragt: „Bei welchen Übungen hast du Probleme?“ Thomas Andergassen beherrscht den Sprung, bei dem Ziesmer stürzte. Er sagte: „Was ist, wenn ich mit dem Arm wegrutsche?“ Er verzichtete auf den Sprung. Hirsch war dankbar dafür.

Hirschs Frau ist Physiotherapeutin, sie empfängt zu Hause auch Rollstuhlfahrer. Hirsch hat also seit langem unmittelbaren Kontakt mit Querschnittsgelähmten. Aber Ziesmers Unfall hat eine andere Dimension. „Ich habe durch den Unfall einen ganz anderen Reifegrad erreicht.“ In einer Trainingseinheit Anfang der Woche verpatzte Sergej Pfeifer gleich dreimal eine Reckübung. Früher hätte Hirsch sich lange darüber aufgeregt. „Jetzt bin ich viel schneller wieder gelassen.“ Die Relationen haben sich verschoben.

Hirsch hat jetzt einen Weg gefunden, mit der Situation wenigstens ein bisschen besser umzugehen. „Ich will die Hoffnung auf eine Besserung des Zustands mit Ronny teilen.“ Der Brief eines Österreichers an Ziesmers Homepage gibt ihm die größte Zuversicht. Der Mann war beim Bergsteigen gestürzt, er lag im Koma, Diagnose: Quetschung der Wirbelsäule. Er wurde monatelang künstlich beatmet und ernährt. „Und heute“, sagt Hirsch hoffnungsfroh, „kann er wieder gehen“.

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