Düsseldorf ist aufgestiegen : Lady Fortuna lebt

Fortuna Düsseldorf ist aufgestiegen. Von der Dritten in die Zweite Liga. Grund genug für eine Liebeserklärung, meint Fortuna-Fan Helmut Schümann.

Helmut Schümann
Fortuna Düsseldorf schaft Aufstieg in die Zweite Liga
Aufstiegstanz. Vor 50.000 Zuschauern im Rheinstadion.Foto: dpa

Jahrgang 1956. So etwa 1962/63 verliebt in eine Frau, die damals 67 oder 68 Jahre alt war. Die Liebe hält an, die Lady lebt, sie ist jetzt 114 Jahre alt. Aber sie wieder jung geworden am vergangenen Samstag. Und schön. Bildschön.

Um es klar zu sagen: Dies ist kein journalistischer Text, ihm fehlt irgendwie, aber komplett, die objektive Ebene. Er hat auch keine Distanz. Und er macht sich, Todsünde für einen Journalisten, gemein mit einer Sache, er ergreift sogar Partei. Wäre dieser Text objektiv, müsste man sagen, dass sich die Lady am vergangenen Samstag schlecht benommen hat und nur mit viel Glück einem Desaster entkam. Aber dieser Text ist subjektiv. Die Lady heißt Fortuna.

Mit sechs oder sieben Jahren wollte der Jahrgang 1956 ein Trikot der Fortuna. Das gab es, gibt es, und wird es immer geben, in rot und weiß. Die Mutter des Jahrgangs 1956 kaufte ein Trikot in grün und weiß. Daraus wurde ein Trauma. Grün und weiß sind die Farben von Werder Bremen. Auf dem Kirchplatz, wo die Jungs immer kickten, musste Jahrgang 1956 behaupten, die Familie ziehe bald nach Bremen um. War komplett gelogen.

Der Verräter Klaus

Seit 1962/63 kann Jahrgang 1956 Werder Bremen nicht leiden, man kann sogar sagen, dass er Werder Bremen hasst. Sorry, die können nichts dafür, aber mal ehrlich: Was ist grün und stinkt nach Fisch? Dass ein großer Sohn der Lady, Klaus, diese stinkenden Fische managt, hat an dem Trauma nichts verändert. Dieser Verräter.

Am vergangenen Samstag spielte die Lady gegen Werder Bremen II. Es ging um den Aufstieg von der dritten in die zweite Liga. Gut, Werder Bremen II ist nicht Werder Bremen I, aber die wird sich die Lady auch noch schnappen. Gnade ihnen Gott. Oder auch nicht. Die Schlampe Werder I hat sich hergeschenkt gegen den VfL Wolfsburg, auch die sind grün, pfui Teufel!

Die Lady ist rot und weiß. Sie hatte sich schick gemacht, die ganze Stadt Düsseldorf, wo die Lady, geboren wurde und lebt, war aus dem Häuschen. Jahrgang 1956 ist auch in dieser Stadt geboren und aufgewachsen. Er war auch aus dem Häuschen.

Barcelona und der Schleuderstuhl

Also, ich meine, ich, Jahrgang 1956, also, ich meine, vor gut 30 Jahren stand die Lady im Finale des Europapokals der Pokalsieger. Sie verlor damals gegen den FC Barcelona 3:4 und ich verlor eine Fensterscheibe, weil ein Freund meinte, beim Ausgleichtreffer im Fernsehen einen unschuldigen Rattanstuhl durch die Wohnung schleudern zu müssen. Der Stuhl traf die Scheibe. Später stieg die Lady ab. Und ab. Und ab. Die Lady lag im Sterben in der vierten Liga, die Liebe nie.

Es gab Menschen, die meinten, man müsse Antidepressiva einwerfen, wenn Fortuna, die Lady, spiele. Ignoranten waren das, heimatlose Gesellen, Menschen, die anstelle des Herzens einen Stein haben und anstelle der Seele den FC Bayern München. Was ich sagen will: Am vergangenen Samstag musste ich arbeiten ab 15:30 Uhr. Am vergangenen Samstag, als die Geliebte Fortuna um den Aufstieg kämpfte. Nach zehn Jahren Absenz aus der Zweiten Liga. Gegen Werder-Bremen-ist-grün-und-stinkt-nach-Fisch. Und ich, Jahrgang 1956, muss arbeiten. Gibt es ein größeres Leid? Bitte, bitte, jetzt keine politische Korrektheit! Ich bin ein zynisches Arschloch, weil ich das Leid der Menschheit gering erachte? Aber ja! Bin ich! Wenn es der Liebe dient.

Blind vor Liebe getippt

Ich habe die Kindheit durchlitten mit der Lady Fortuna. Ich habe an der Linie gelegen, als Reiner Geye uns in die Bundesliga schoss, ich habe das 7:1 gesehen, mit dem die Lady die Bayern abschoss, ich bin gehauen worden, weil ich im Stadion von Mönchengladbach der Lady treu blieb, ich bin verlacht worden in der Fremde von München, Hamburg, Berlin, weil ich von der Lady nicht lassen wollte, ich habe bei Tipprunden freiwillig den letzten Platz übernommen, weil die Tipps auf die Lady keine sachkundigen Tipps waren, sondern blind vor Liebe. Also geht mir weg mit dem Leid der Menschheit!

Die Lady spielte um 13.30 Uhr. Um 15.30 Uhr musste ich arbeiten. Meine Stadt war im Ausnahmezustand. Meine Stadt war in rot und weiß gehüllt. Seit Tagen sangen die Menschen auf der einen Straßenseite: „Fortuuuna!“. Und die Menschen auf der anderen Straßenseite antworteten: „Düsseldooorf!“ Oder alle zusammen sangen: „Olééé, olééé. 95 olé, 95, olé, 95 olééé!“ 1895 wurde die Lady geboren.

Die Lady ist jetzt 114 Jahre alt. Sie ist wunderschön. Sie hat Werder-ist-grün-und-stinkt-nach-Fisch-Bremen-II besiegt. Sie ist in Liga II. Es war ein arger Stress, nach dem Spiel rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Aber es hat sich gelohnt. Dass ich das noch erleben durfte. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich, Jahrgang 1956, nicht mehr an den Wiederaufstieg von Fortuna 95 Düsseldorf geglaubt habe. Die Zeiten sind vorbei. Werder Bremen I, ihr Fischköpfe, zieht euch warm an. Wir kommen.

Helmut Schümann hat unter anderem die Bücher "Das Runde muss ins Eckige. Eine Geschichte der Bundesliga" und "Der Pubertist. Ein Überlebens-Handbuch für Eltern" geschrieben.

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