Sport : Duftwässerchen und Fernglas

Helen Ruwald

An beiden Beinen des Patienten kleben bunte Kabel, die zu einem Gerät neben dem Bett führen. Mit der Magnetfeldtherapie sollen Schwellungen und Prellungen bekämpft werden. "Früh um halb zwei bin ich vom Rad gestürzt", sagt Franz Stocher und muss die Stimme heben, weil der DJ Ötzi so laut singt. "Musik aus meiner Heimat Österreich", sagt Stocher vergnügt, während er in die Aluschale im Regal neben sich piekt, um rauszufinden, womit er verköstigt wird. Es ist Griesbrei. Auch eine offene Bierflasche steht rum, "für die Mechaniker", erzählt Stocher. Mechaniker, nicht Krankenschwestern. Stochers Bett ist seine Koje beim Sechstagerennen im Velodrom. Zwei oder drei Fahrer teilen sich eines der Betten mit Vorhang. Sie stehen mitten in der Bahn, der verkabelte Österreicher hat eine Außenkoje, keine drei Meter von ihm entfernt rasen die Sprinter vorbei. Wer hier auf der schräg aufragenden Bahn stürzt, wird Stocher vor die Füße katapultiert.

Es ist Lange Nacht, bis drei Uhr früh treten die Fahrer in die Pedale, auch Stocher, der wegen seiner Verletzung vorübergehend aus dem Rennen genommen wird. Die Magnetfeldtherapie bringt ihn wieder auf die Beine. Die Puhdys singen auf der Bühne "Alt wie ein Baum", 12 000 Zuschauer tanzen und toben. Und die Fahrer? Sie verfügen über eine bislang ungeahnte Eigenschaft: ein fantastisches Gehör. "Ich rufe jeden Abend ein paar Mal meine Frau in Wien an. Das ist so, als würde jemand anders aus dem Büro zu Hause anrufen", sagt Stocher. Der Schreibtisch hat eine persönliche Note, die Koje auch. Bei Beikirch und Aldag stehen Bonbons und Kekse, bei Martinello ein Fernglas und ein Duftwässerchen, bei Bartko Autogrammkarten und ein Spiegel. Dazu Bananen, Taschentücher, Massageöl.

Fahrerlager, das bedeutet verkappte Hausmänner. Sie nennen sich Betreuer und Masseure und stecken die verschwitzten Trikots in den Trockner neben den Kojen, bereiten Babyfläschchen mit Mineraldrinks zu, die sie den vorbeisausenden Fahrern in die Hand drücken - ohne Sauger, immerhin. Die Flaschen mit den blauen Elefanten sind aus Plastik, können ohne Scherben in die Radlerhosen geklemmt und weggeworfen werden. Nach den Rennen soll ein Olympiasieger wie Robert Bartko keine Energie vergeuden mit unnützen Armbewegungen. Ein Betreuer zieht ihm das verschwitzte Hemd über den Kopf, reibt ihn trocken.

23 Uhr, Essen fassen. Den Küchenmitarbeitern mit der riesigen Pastaschüssel folgt Super Miss Germany Norma Kralisch ins Fahrerlager, lange Beine, lange blonde Haare. "Es gibt doch schon eine neue, eine braunhaarige", sagt Rettungsassistent Sascha. Die Neue wäre ihm lieber. Super Miss Germany hantiert nicht lange mit Papptellern. Sie schäkert lieber mit Sprint-Olympiasieger Jens Fiedler. "Wir kennen uns vom Vorjahr", sagt sie. Eng, sehr eng, stehen die Schöne und der Schnelle beieinander. Sie, so scheint es, erklärt ihm etwas zur Rückseite ihres schulterfreien schwarzen Kleides.

Nach der großen Jagd, früh um eins, starrt Rolf Aldag ins Leere. Die Schweizer Risi/Betschart haben die Jagd gewonnen, aber der Telekom-Fahrer hat mit Silvio Martinello Platz eins gehalten. "Wenn man absteigt, hat man Puls 190. Richtig müde ist man nicht, aber man muss sich bis zum Schluss konzentrieren, damit nichts passiert", erzählt er. Und wenn dann alles vorbei ist, dreht sich im Kopf alles weiter. "Nach der ersten Nacht habe ich bis um drei Talkshows gesehen." Immerhin: Aldag darf fernsehen. Die Hausmänner fangen zu früher Stunde erst richtig an: Sie waschen die Radlerhosen.

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