Sport : Dumm gestellt

-

Martín E. Hiller über ohnmächtige Schiedsrichter und dreiste Spieler

Der FC Bayern München gewinnt sein Heimspiel knapp, aber eben doch. Die letztens dezent aufstrebenden Nachbarn des TSV 1860 München werden vorerst auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, Wolfsburg rangiert weiter im Mittelfeld der Tabelle – die Bundesliga kehrt zur Normalität zurück. Allerdings nur, was die Ergebnisse anbelangt. Aufregung und Würze gaben dem Spieltag an diesem Wochenende wieder einmal die Schiedsrichter.

Aber nicht, weil die Albrechts und Gagelmanns schlecht gepfiffen hätten. Vielmehr weil sie diverse unglückliche Aktionen einzelner Sportskameraden schlicht ahnden mussten und dabei teils sachferne Vorgaben des Weltverbandes Fifa umzusetzen hatten, etwa die Eindämmung übermäßiger Torfreude. So sagten dann auch die Trainerschaft von Felix Magath bis Hans Meyer ungewohnt einhellig: „Da kann der Schiri doch nichts für.“

Etwas dafür können dagegen die Spieler, die vom Platz geflogen sind. Sie haben immer noch nicht gemerkt, dass die Herren der Regeln gegenwärtig versuchen, mit strenger Auslegung wieder einen Hauch von Benimm über das Spielfeld zu legen. Sicher, Recken wie Fernando Meira und Diego Placente werden Tag und Nacht von ihrem wilden südländischen Temperament getrieben. Aber auch sie dürften nach den jüngsten Geschehnissen wissen, dass Tätlichkeiten nicht mit einer seichten Ermahnung abgegolten werden. Der eine tritt erst nach, dann greift er seinem Gegenspieler ins Gesicht. Der andere kommt übers halbe Feld gerannt, um eine Runde zu schubsen und den jüngsten Spross der Liga auszulösen, das Rudel. Ja, dann gehört’s euch auch nicht anders!

Rekordhalter im Sichdumm-Anstellen und im Sich-dumm-Stellen war an diesem Wochenende allerdings Christian Beeck von Energie Cottbus. Der professionelle Fußballspieler Beeck wollte tatsächlich nicht gewusst haben, dass Zäuneklettern zum Zwecke des Torjubels seit Jahren verboten und mit einer Verwarnung zu bestrafen ist. Der Neutrale, Florian Meyer, musste ihm Gelb zeigen, ob er wollte oder nicht. Meyer lief sogar eigens zu Trainer Eduard Geyer und erklärte seine Maßnahme, fast, als sei es ihm peinlich, Beeck bestrafen zu müssen.

Doch Unwissenheit schützt vor Strafe nicht – und vorgetäuschte Unwissenheit gleich dreimal nicht, Temperament hin, unsinnige Vorschriften her. Unsereins darf auch nicht vor lauter Freude über ein Tor im Autoradio vergessen, was ein auf dem Kopf stehendes weißes Dreieck mit rotem Rand zu bedeuten hat. „Ach, Herr Wachtmeister, ich hab’ doch nicht wissen können, dass der da drüben Vorfahrt hat“ – oder wie?

Solche Ausflüchte sind hierzulande allein dem Kaiser vorbehalten: Einzig Franz Beckenbauer nimmt man es – aus welchen Gründen auch immer – ab, wenn er beteuert, die gültigen Regeln nicht zu kennen. Als Torsten Frings beim WM–Spiel Deutschland gegen die USA den Ball auf der Linie stehend unabsichtlich an die Hand bekam und richtigerweise nicht auf Elfmeter entschieden wurde, wunderte sich Beckenbauer: „Absicht? Die Regel soll mir mal einer zeigen!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar