Sport : Dunkle Wolken über Silverstone

An ihrer Geburtsstätte steht die Formel 1 am Scheideweg – heute ist die letzte Chance zum Kompromiss

Karin Sturm[Silverstone]

Ein Hauch von Drama umweht Silverstone in diesen Tagen. Dort, wo 1950 die Geschichte der modernen Formel 1 begann, droht am Sonntag nicht nur der letzte Grand Prix auf diesem historischen Kurs, denn 2010 soll der Große Preis von Großbritannien auf Betreiben von Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone nach Donington umziehen. Nein, der Rennzirkus steht hier auch vor der vielleicht größten Zerreißprobe seiner bisherigen Geschichte. Bis einen Tag vor dem Ablauf der endgültigen Einschreibefrist für die kommende Saison an diesem Freitag war eine Einigung im Streit über Budgetobergrenze und zukünftige Machtverhältnisse noch immer nicht in Sicht.

Mit einem letzten Angebot an Max Mosley, den Präsidenten des Automobil-Weltverbands Fia, wollte die rebellierende Teamvereinigung Fota am Mittwoch den Konflikt um die Zukunft der Formel 1 lösen. Die Teams schlugen darin unter anderem eine unabhängige Kontrolle der „Ressourceneinschränkung“ genannten Budgetgrenze und eine Fristverlängerung bis 1. Juli vor. Fia-Präsident Max Mosley zeigte sich gesprächsbereit, lehnte allerdings einige Punkte weiterhin ab. So könne man die Frist nicht über den – heutigen – Freitag hinaus verlängern, da man den sich bewerbenden neuen Teams eine Antwort schulde und ihnen Planungssicherheit geben müsse. Bei der Budgetobergrenze und der Führung des Weltverbandes könnte sich Mosley jedoch ein Entgegenkommen vorstellen. An der von Mosley forcierten Budgetobergrenze hatte sich der Streit entzündet. Mosley hält sie für notwendig, um das ruinöse Wettrüsten einzudämmen, vor allem die großen Automobilhersteller gingen aber deswegen auf Konfrontationskurs.

Weiterhin bot Mosley den Teams die Unterzeichnung eines neuen Grundlagenvertrags, „Concorde Agreement“ genannt, bis 2014 an – allerdings nicht vor Ablauf der Deadline. „So schnell kann das nicht gehen – aber jetzt hatten wir zehn Jahre kein gültiges, da kommt es doch auf ein paar Wochen oder Monate auch nicht mehr an.“ Der Kompromiss beim Thema Kostensenkung sieht den bekannten Stufenplan vor: Danach dürfen die Teams 2010 noch 100 Millionen Euro ausgeben. 2011 müssen die Kosten dann endgültig auf das von der Fia gewünschte 45 Millionen Plateau gedrückt werden. Der Fia-Chef sicherte den Teams allerdings erstmals zu, dass es im Falle von Verstößen gegen die Budgetobergrenze keine sportlichen Strafen geben wird, die auf der Strecke ausgesprochen werden. Stattdessen will der Brite einen festen Strafenkatalog erstellen, in dem genau geregelt ist, welche Maßnahmen zu treffen sind.

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hält den ganzen Ärger und die Abspaltungs-Drohungen der Fota-Teams für völlig überflüssig. Das wahre Problem sei, dass Renault-Teamchef Flavio Briatore „eine neue Serie gründen und dort alles bestimmen will“. Außerdem habe Ferraris Präsident Luca di Montezemolo „ein Problem mit Mosley. Egal, was sich hier abspielt: Es ist traurig und unnötig. Da werden Jahre von Arbeit kaputtgemacht.“ Vor einer „Piratenserie“, mit der die Hersteller immer wieder für den Fall einer Nichteinigung drohen, habe er aber keine Angst. „Die Formel 1 ist als Marke größer als jedes Team oder jeder Fahrer“, erklärte Ecclestone und warnte die vertraglich an ihn gebundenen Teams Ferrari, Red Bull und Toro Rosso vor einem Absprung: „Es wäre für alle teuer, wenn sie aussteigen.“

Auch der frühere Weltmeister Niki Lauda hält den Streit nur für das Resultat der persönlichen Animositäten von Mosley und Montezemolo. „Die ganze Diskussion verursacht den größten Schaden, der jemals für die Formel 1 entstanden ist. Es ist jetzt ein persönlicher Kampf zweier Egozentriker. Wenn sie sich nicht einigen, dann gehören sie aus diesem Sport ausradiert. Dann haben beide keine Zukunft mehr.“ Würde man eine Firma so wie die Fota oder die Fia führen, „wäre sie sofort in Konkurs“, befindet Lauda, der die Idee einer Alternativserie zudem für „eine Totgeburt“ hält, „die nie funktionieren würde“. Klar sei aber auch, dass eine Formel 1 ohne Ferrari nur noch eine Farce wäre: „Ohne Ferrari wäre der ganze Glanz weg. Es gibt jetzt schon zu viele Strecken in Ländern, wo sich niemand für die Formel 1 interessiert.“ Womit Lauda ausspricht, was eigentlich alle Beteiligten wissen: Bei einer Spaltung der Formel 1 gibt es nur Verlierer – also besteht eigentlich der Zwang zur Einigung, über alle Egos hinweg, mit einem letzten Rest von Vernunft und gesundem Menschenverstand.

Bei Ferrari probiert man es derweil im Endspurt bis zur Deadline mit der angeblichen öffentlichen Meinung. „Die Internet-Stimmen der Formel-1-Fans sind weiter im Sinne von Ferrari und der Fota“, heißt auf Seiten der Scuderia. Darin betont man, wie zahlreich die E-Mails und Foreneinträge seien und zieht allerlei Umfrageergebnisse zweier englischer Formel-1-Webseiten heran, um zu zeigen, wie sehr die Fans hinter Ferrari und der Fota stünden. Allein damit wird man Max Mosley sicher nicht beeindrucken können. Ferrari hat noch diesen Freitag, um ein besseres Argument zu finden.

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