Sport : Durch die Deckung

Witali Klitschko hofft im heutigen WM-Kampf auf die Überheblichkeit des Titelverteidigers Lennox Lewis

Hartmut Scherzer

Los Angeles. Medientermin vor dem Boxkampf am Samstag im Staples Center von Los Angeles: Witali Klitschko im khakifarbenen Boss-Anzug, darunter ein schwarzes T-Shirt, sitzt mit seiner Entourage artig auf dem Podium und wartet. Zwei Dutzend Kameras sind postiert. In der Riesenarena, wo sonst die Lakers Basketball und die Kings Eishockey spielen, herrscht Stille wie im Petersdom in Erwartung des Papstes. Reichlich verspätet schlendert Lennox Lewis herein, mit der Lässigkeit der Karibik und dem Selbstbewusstsein des Champions: dunkle Sonnenbrille, die Rastazöpfe unter einer schwarzen Kappe gebündelt, knallgelber Frottee-Freizeitanzug. Ein Gürtel wird ihm überreicht, der den WBC-Champion aus England als den einzig wahren Weltmeister im Schwergewicht legitimiert.

Witali Klitschko wirkte beeindruckt. Selbst machte der 31 Jahre alte Doktor der Sportwissenschaft nicht gerade einen souveränen Eindruck, als er wie in der Universität am Rednerpult seinen Vortrag zum Kampf von einem Zettel ablas. Er finde es aufregend, las er vor, in Los Angeles zu boxen, wo er mit seiner Familie lebe. „Es ist eine wundervolle Chance, dem amerikanischen Publikum zu zeigen, wer ich bin und was ich kann.“ Für den älteren Klitschko ist es neu, selbst im Mittelpunkt und nicht nur an der Seite seines in amerikanischen Boxringen längst heimischen jüngeren Bruders zu stehen. Die Anspannung ist entsprechend groß. Wladimir spürt es. „So konzentriert war Witali noch nie.“

Lennox Lewis provozierte nicht, wiederholte nicht den Spruch, dass er seinem Herausforderer nur fünf Runden gibt. Den Spott bekam Kirk Johnson ab, der Kanadier, der diesen Kampf erst möglich machte. „Als er entschied, verletzt zu sein“, sagte Lewis. Der Großmut des Champions, so kurzfristig einen anderen Gegner zu akzeptieren, ist ungewöhnlich. Der Kabelsender HBO hatte den Kampf Lewis gegen Klitschko erst für Dezember geplant, im Pay-per-view für 50 Dollar. Nun gibt es den Kampf live im gewöhnlichen Abonnement. „Lennox hat viel Geld auf dem Tisch zurückgelassen“, sagte HBO-Sportpräsident Ross Greenburg und erhöhte die Börse wenigstens um 1,5 auf 7 Millionen Dollar. Klitschko wird mit 1,4 Millionen Dollar und den deutschen Fernsehrechten (ZDF, live ab 4.30 Uhr) entlohnt.

Unterschätzt Lennox Lewis den Herausforderer? Klitschkos Trainer Fritz Sdunek räumt ein, dass der kurzfristige Gegnerwechsel für den Titelverteidiger ein größeres Risiko sei. „Witali hat doch nichts zu verlieren.“ Lewis, der seine Überheblichkeit schon zweimal mit K.o.-Niederlagen bezahlte, ist sich seiner Sache sicher. Witali Klitschko habe noch nie einem Boxer seiner Klasse gegenübergestanden, und er, Lewis, sei mit großen Kerlen immer gut zurecht gekommen. Er redet gern in der dritten Person. „Lennox Lewis wird siegreich sein.“ Noch Zweifel?

„Kämpfe werden nicht auf Presseterminen entschieden“, sagte Witali Klitschko. Aber welche Chancen hat der 2,02-Meter-Riese aus der Ukraine (31 K.o.-Siege in 33 Kämpfen) tatsächlich gegen die karibische Melange aus Strategie, Geschmeidigkeit und Schlagkraft? Larry Merchant, Star-Kommentator von HBO, glaubt inzwischen daran. Er, der Witali Klitschko nach der Aufgabe gegen Chris Byrd wegen einer Schulterverletzung als „Weichei“ verhöhnt hatte, sagt: „Lewis hat ein Jahr nicht gekämpft und wird 38 Jahre alt.“ Hinzu kommt, dass Lewis beim gestrigen Wiegen mollige 116,3 Kilogramm vorwies. So viel wie noch nie vor einem Kampf. Witali Klitschko wiegt 3,8 Kilogramm weniger. Noch ein Indiz dafür, dass Merchant am Samstag unter Umständen ein „Weichei“ als Weltmeister würdigen muss.

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