Sport : Edgar Davids: Hollands heimlicher Chef spielt ebenso aggressiv wie exzellent

Die Baseball-Kappe tief ins Gesicht gezogen, den Blick hinter einer dunklen Brille verborgen und äußerst wortkarg, so sieht er aus, so gibt er sich, und deshalb hinterlässt Edgar Davids stets den Eindruck, als könne ihm die ganze Welt mal den Buckel runterrutschen. Der gezähmte Rebell des holländischen Fußballs überzeugt bei der Fußball-Europameisterschaft durch Leistung und hat offenbar gelernt, seine Aggressionen auf dem Rasen auszuleben. Inzwischen ist er längst der heimliche Chef im "Oranje"-Team.

"Edgar ist der Motor und Organisator unseres Spiels. Er kann eine Mannschaft mit seinem Kampfgeist mitreißen", umschreibt Bondscoach Frank Rijkaard die Qualitäten seines Mittelfeldspielers vom italienischen Rekordmeister Juventus Turin, dessen Brille Schutz für die Augen nach einer Operation und inzwischen Markenzeichen gleichermaßen ist. Bis zum anerkannten Nationalspieler (34 Spiele/vier Tore), Publikumsliebling und begehrten Werbeobjekt (Exklusiv-Verträge mit Nike und Pepsi) war es für den Surinamer ein weiter Weg, auf dem sich Davids oft selbst im Weg stand.

Noch in bester Erinnerung ist sein Rausschmiss aus dem Kader während der Europameisterschaft 1996 in England, als er seinen damaligen Trainer Guus Hiddink angiftete, er möge "den Kopf aus dem Arsch der weißen Spieler nehmen". Frühere Mitspieler behaupten, Davids könne sogar in einer leeren Mannschaftskabine einen Streit anzetteln. Ein Grund, warum Trainer Dick Advocaat ihn nicht mit zur Weltmeisterschaft 1994 in den USA nahm.

Wie wichtig jedoch das 1,69 Meter kleine und 68 Kilogramm schwere Energiebündel sein kann, bewies er in den bisherigen EM-Spielen. Davids ackert und rackert in den Räumen zwischen Abwehr und Angriff und weiß nur zu genau, dass mit "Lekkerballen" (Schönspielerei) kein Blumentopf zu gewinnen ist. Denn wer gewinnen will, so Davids, darf nicht zurückziehen - erst recht nicht im Zweikampf. Nicht zuletzt deshalb verpasste ihm sein ehemaliger Trainer Louis van Gaal bei Ajax Amsterdam den Namen "Pitbull". Eine durchaus passende Bezeichnung. Denn Davids setzt immer nach, er lässt nicht locker und zeigt dabei eine Technik und Feinfühligkeit, die ihm enormen Respekt einbringen.

Van Gaal hatte sich früh des schwierigen Schützlings angenommen, doch dessen persönliche Entwicklung forcierte erst der Wechsel nach Italien. Dort wurde er nach einem Beinbruch 1997 vom AC Mailand zu Juventus abgeschoben, wo er mit dem Franzosen Zinedine Zidane die Fäden im Mittelfeld zieht. Die beiden ergänzen sich, beide sind exzellente Techniker, beide haben den Überblick. "Davids ist ein physisches Monster", hatte Weltmeister Zidane einmal über seinen holländischen Kollegen gesagt, der im Schnitt rund 13 Kilometer pro Spiel läuft. Das sind Werte, von denen andere Spieler träumen. Beziehungsweise, die ihnen Albträume verursachen.

Davids war ein echter Straßenfußballer, bevor ihn die Ajax-Späher im Amsterdamer Norden, heute einer der übelsten Gegenden der Stadt, entdeckten. Geboren ist er in Surinams Hauptstadt Paramaribo, bevor seine Eltern mit dem damals 18-monatigen Edgar nach Amsterdam übersiedelten. Seine Mutter verdiente als Putzfrau, sein Vater als Gelegenheitsarbeiter die nötigen Gulden zum Überleben. Auf der Straße, im rauen Leben der Jugendlichen des Nordens, lernte Davids sich durchzusetzen. Er merkte schnell, dass Nachgeben Schwäche bedeutet und dass man sich Respekt hart erarbeiten muss. Körperliche Nachteile glich er durch Aggressivität und Ehrgeiz aus. Außerdem erwarb er sich durch seine Spielweise den Respekt seiner Kumpels.

Der Grundstein zur steilen Karriere und zum großem Geld liegt in dem kleinen Verein Schellingwoude in Amsterdam. Inzwischen ist seine Titelliste imponierend: drei Mal Niederländischer Meister, ein Mal Pokalsieger, Europapokalsieger der Meister, Weltpokalsieger und Uefa-Cup-Gewinner mit Ajax Amsterdam, ein Mal Italienischer Meister mit Juventus Turin. Was Davids noch fehlt, ist ein Titel mit dem Nationalteam. Den könnte er in Kürze erhalten.

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