Sport : Egidius Braun: Der Chef des DFB wird morgen als Uefa-Vizepräsident abtreten

Martin Hägele

Pater Braun wird heulen vor Rührung, nachdem ihn sein Freund Lennart Johansson in einer großen Laudatio gewürdigt und dann zum Ehrenmitglied der Uefa ernannt haben wird. Und auch die Ovation im Saal gilt als sicher. So wird es kommen morgen beim Uefa-Kongress in Luxemburg, ganz sicher. In europäischen Kreisen geht man mit dem DFB-Präsidenten erstens dankbar und zweitens viel devoter um als in dessen Heimat. Dort wird der 75-Jährige Uefa-Vizepräsident bereits jetzt eingeordnet unter seine deutsch-tümelnden Vorgänger Peco Bauwens und Hermann Gösmann; in der Ära des "Sozialschwärmers" aus Aachen sei die Nation der dreimaligen Welt- und Europameister in ihre größte Krise geraten. "Bild", dem Ex-Teamchef Ribbeck zugeneigt, aber nicht dem DFB-Präsidenten, befiehlt balkendick: "Treten Sie sofort zurück!"

Von seinen Uefa-Freunden aber schimpft Braun keiner hinterher; hier hat er Verdienste wie kaum ein Zweiter. Im Blazer der Konföderation hat Braun nicht nur seine Lieblingsrolle vom guten Menschen gespielt. Als Uefa-Mann war Braun auch Geldmensch und Strippenzieher. Nicht nur über den schwedischen Präsidenten Johansson. Braun hatte seine Leute in allen Zirkeln der Organisation sitzen, er besaß wirklich Macht.

Und obwohl den alten Herrn schon Wehmut packt, wenn er nun seinen Platz räumt - seine Genugtuung über sein Lebenswerk wird größer sein. In seinem letzten Finanzreport wird Schatzmeister Braun Zahlen vorlesen wie noch nie zuvor. Bei den jährlichen Milliarden-Einnahmen aus der Champions-League wird selbst das neue Uefa-Domizil am Ufer des Lac Leman locker bezahlt.

Alles in dem eleganten Bau, den man von der Straße nicht einsehen kann, ist vornehm. Wie aus dem repräsentativen Hauptquartier von Nyon das Fußballgeschäft in Europa noch besser kontrolliert werden soll oder ob man nicht einfach so weiterwurstelt wie seither, darüber müssen morgen die Delegierten der 51 Mitgliedsverbände entscheiden. Zur Abstimmung steht das Projekt F.O.R.C.E (Football Organisation Redesign for the next Century in Europe). 24 Blatt mit lauter Organigrammen, dazu eine elfseitige Beschreibung der neuen Struktur. Verfasst von den Zukunftsstrategen der Boston Consulting Group, der weltweit führenden Unternehmensberatung, und von fortschrittlichen Uefa-Bürokraten. Das Visionspapier ist aber auch ein Angriff aufs traditionelle Funktionärswesen in der alten Welt. Die Mehrzahl der Uefa-Kommissäre dürfte ihre Reisepöstchen und Tagegelder verlieren, falls die bislang 26 Kommissionen auf elf reduziert werden.

Die Uefa braucht einen starken Führer, weil Präsident Lennart Johansson an Energie und Ausstrahlung verloren hat nach der Niederlage im Wahlkampf gegen Sepp Blatter ums höchste Fußball-Amt. Um dem Schweizer mit seinem Weltverband gegenüber entsprechend operieren zu können, braucht Generalsekretär Gerhard Aigner in Luxemburg eine Zwei-Drittel-Mehrheit.

Dies ist nicht die einzige schwierige Abstimmung. Nach Brauns altersbedingtem Rückzug aus der Uefa-Exekutive könnte es passieren, dass der größte Sportfachverband der Welt in keinem der zwei bestimmenden Gremien vertreten ist. Nach Brauns Wünschen soll der designierte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder seinen Vorgänger auch international beerben. Was gar nicht so einfach ist, weil keine sportpolitische Aktion des DFB die WM-Bewerbung 2006 stören darf. "MV" hat deshalb verzichtet auf die Kandidatur in der Fifa-Exekutive.

In diesen Ring muss der gestresste Schwabe diesmal nicht mehr steigen. Denn ein Sieg hätte Ärger gebracht und wohl die Stimme jenes Verlierers gekostet, der am nähsten Donnerstag unter den 24 Wahlmännern sitzt, die das Land für die WM 2006 bestimmen. Die Kampfwahl in die UEFA-Exekutive, wo sich 12 Funktionäre um sieben frei werdende Plätze beworben haben, ist härter. Weil es in dieser Runde um Profifußball mit seinem vielen Geld geht. "MV" bewirbt sich, aber sollte er, wie schon einmal, durchfallen, wäre es nicht nur ein persönliches Scheitern. Es wäre ein böser Fingerzeig Richtung Zürich. Dass man sich eben auch nächste Woche nicht auf jene Stimmen verlassen kann, die einem fest versprochen worden sind. Fußball-Funktionäre gehören manchmal schon zu einer besonders ehrenwerten Gesellschaft.

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