Sport : EHC vs Wild Wings: Kein Respekt vor den Eisbären

Claus Vetter

Rekordverdächtig schnell waren Spieler und Fans des EHC Eisbären am Dienstag nach dem Spiel gegen die Schwenninger Wild Wings verschwunden. Die Flucht aus dem Sportforum Hohenschönhausen kam nicht von ungefähr. Das 3:6 gegen eine bieder aufspielende, ersatzgeschwächte Truppe aus dem Schwarzwald war die schmerzlichste Niederlage für die Eisbären in dieser Saison der Deutschen Eishockey-Liga. Nach Siegen in Essen und gegen Nürnberg schien sich ein Aufwärtstrend im Sportforum anzukündigen, waren sich Anhänger und Spieler eines Erfolgserlebnisses gegen Schwenningen im Vorfeld sicher. Stattdessen erfolgte der Sturz auf den letzten Tabellenplatz.

Der Trainer des siegreichen Außenseiters, Rich Chernomaz, hatte trotz des Erfolges "kein schönes Spiel gesehen" und rechtfertigte sich dafür sogar noch: "Uns haben eben vier wichtige Spieler gefehlt." Dass sich ein Sieger entschuldigt, ist im Sportforum in dieser Saison neu. Dass bei den Eisbären nach einem so deprimierenden Erlebnis wie am Dienstag Klartext geredet wird, auch. "Das war eine brutale Enttäuschung für mich", sagte EHC-Trainer Uli Egen, "wenn wir so weiterspielen, dann finden die Play-offs ohne uns statt."

Tatsächlich scheint sich nach der Hälfte der Hauptrunde eine trostlose Saison für die Eisbären nicht mehr nur anzudeuten. Der Glanz erfolgreicher Zeiten - 1998 wurden die Berliner Vizemeister, 1999 kamen sie ins Halbfinale - ist verblasst. Der Abstieg hatte sich bereits in der vergangenen Spielzeit angedeutet. Aus jener Saison gibt es ein Zitat von Ex-Trainer Peter John Lee, das man problemlos auf das jüngste Spiel der Eisbären - gegen Schwenningen stand es nach dem ersten Abschnitt bereits 0:3 - anwenden könnte: "Die Gegner treten bei uns selbstbewusster auf als in der Vergangenheit, versuchen schon im ersten Drittel, uns das Spiel zu zerstören, dabei keine Tore zu kassieren." Am 13. Dezember 1999 hatte sich Lee so geäußert, damals war ebenfalls die erste Hälfte der Hauptrunde beendet, rangierten die Eisbären allerdings auf dem sechsten und nicht dem letzten Tabellenplatz. Am Ende wurden die Play-offs trotzdem deutlich verfehlt. Wenig spricht dafür, dass es dem EHC diesmal anders ergeht - auch wenn Egen nicht müde wird zu betonen, dass der Tabellenplatz ein Versehen ist.

Nüchtern betrachtet ist die sportliche Situation der Eisbären das Resultat jüngster Verpflichtungspolitik. Das zu Saisonbeginn getätigte Engagement des überforderten Ex-Trainers Glen Williamson entpuppte sich schnell als kapitaler Fehler, den man aber lange Zeit nicht eingestehen wollte, schließlich doppelt bezahlen musste: Williamson-Nachfolger Egen hätte man vorher haben können, schließlich arbeitete Egen als Trainer der zweiten Mannschaft schon im Sportforum. Trotz miserabler Bilanz hatte man Williamson aber 21 Spiele lang von Niederlage zu Niederlage havarieren lassen. Die Fehlgriffe beim Spielerpersonal waren nicht weniger beeindruckend. Vor der Saison wurde kaum ein Leistungsträger gehalten. Viele der verbliebenen Spieler, die vor zwei oder drei Jahren noch am Höhenflug der Eisbären mitgewirkt hatten, haben den Zenit ihres Könnens inzwischen überschritten. Von den neuen Akteuren sind lediglich Chabot, Walker und Hicks als Bereicherungen zu sehen. Das macht gerade mal eine Sturmformation, und die kennt in der Liga inzwischen jeder. Die Chabot-Reihe habe man ausschalten können, das sei der Schlüssel zum Sieg gewesen, wusste denn auch Schwenningens Trainer Chernomaz.

Noch übt sich Egen in Zweckoptimismus. Nun müsse man eben am Freitag und am Sonntag gewinnen, meinte der EHC-Trainer. Am Freitag bitten die Capitals zum Lokalderby, am Sonntag kommt der Tabellenfünfte, die Krefelder Pinguine, ins Sportforum. Angesichts der Gegnerschaft ist das Vorhaben Egens durchaus als kühn zu bezeichnen. Der Respekt hält sich beim nächsten Gegner des EHC jedenfalls in Grenzen. Chris Valentine beobachtete nicht das Spiel der Eisbären, der Trainer der Capitals feierte lieber auf der Weihnachtsfeier seines Klubs.

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