Sport : Ehrenrettung per Videobeweis

Mit einer ungewöhnlichen Maßnahme versucht Schiedsrichter Jürgen Jansen, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu entkräften

Werner Schötz[Passau]

Jürgen Jansen zupft sein Jackett zurecht, macht sich noch ein paar Notizen, dann spricht er in das kleine, am Kragen befestigte Mikrofon. „Ich habe ein ganz wichtiges Anliegen“, so beginnt der Essener Bundesligaschiedsrichter am Freitag seine Verteidigungsrede. Er ist in Passau vor die Presse getreten, um die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Spielmanipulation zu entkräften. An seiner Seite sitzt sein Anwalt Stephan Reiffen. Neben dem Podium hängt eine drei mal vier Meter große Leinwand, auf der später seine Unschuld gezeigt werden soll.

Bevor er mit seiner offiziellen Erklärung beginnt, richtet Jürgen Jansen Persönliches an die versammelte Presse. „Seit Tagen spielen sich Jagdszenen ab, meine Kinder können nicht mehr zur Schule gehen. Sie werden angespuckt.“ Deswegen ist Jansen zu seinen Eltern nach Passau geflohen, in die Abgeschiedenheit des Dreiländerecks, die ihm in den letzten Tagen ein klein wenig Sicherheit gab. Die Stimme des 44-Jährigen stockt bei diesen Worten. Ihm fällt es schwer, seine Tränen zurückzuhalten.

Am vergangenen Sonntag war Jansens Name im Zusammenhang mit den Betrugsvorwürfen gegen den ehemaligen Schiedsrichter Robert Hoyzer erstmals genannt worden. Jansen war vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) kurzfristig vom Bundesligaspiel Werder Bremen – Hansa Rostock abberufen worden. Am nächsten Tag titelte die „Bild“-Zeitung: „Star-Schiri unter Verdacht“, daneben Jansens Foto. Am vergangenen Donnerstag bestätigte der DFB, dass Hoyzer in seiner Aussage Jansen belastet habe. Erst nach Jansens Erklärung wird „Spiegel Online“ melden, Hoyzer habe weder Belege, noch habe er eine Kontaktaufnahme zu Jansen je selber gesehen.

Doch zuvor hat Rechtsanwalt Stephan Reiffen das Wort. Er betont, dass Jürgen Jansen bisher keine Einsicht in die Ermittlungsakten der Berliner Staatsanwaltschaft bekommen habe, Hoyzers genaue Aussagen daher nicht kenne. Dann verliest der Anwalt eine Stellungnahme seines Mandanten. „Ich habe jedes Spiel nach bestem Wissen und Gewissen gepfiffen“, lässt Jansen erklären. „Zu keiner Zeit habe ich Einfluss auf einen Spielausgang genommen.“ Robert Hoyzer habe auch niemals versucht, Einfluss auf ihn zu nehmen. Auch seine Kollegen nimmt Jansen in Schutz: „Die 22 Schiedsrichter der Bundesliga haben nicht einen falschen Pfiff mit Absicht gemacht. Die Schiedsrichter der Bundesliga sind klasse.“

Seit 1993 pfeift Jürgen Jansen in der Ersten Liga. 142 Bundesligaspiele hat er geleitet. „Die Schiedsrichterei ist mein Leben“, sagt er, deswegen hat er seine Tätigkeit bei einem Versicherungskonzern aufgegeben. Nun darf er wegen des Verdachts bis auf weiteres keine Spiele leiten. „Ich habe Verständnis für diese Entscheidung, aber man muss auch Verständnis für meine Situation haben.“ Etwas ehrverletzenderes als Parteilichkeit kann man jemandem wie Jürgen Jansen kaum vorwerfen.

Deshalb führt er nun den Videobeweis. Das erste Spiel, das die Besucher der Pressekonferenz auf der Leinwand zu sehen bekommen, ist das Bundesligaspiel zwischen St. Pauli und Leverkusen vom 16. Februar 2002. Der frühere Leverkusener Coach Klaus Toppmöller hatte angedeutet, sein Klub habe wegen eines unberechtigten Elfmeters nur 2:2 gespielt. Die Punkte hätten ihm zum Titel gefehlt. Zwar hat Toppmöller die Aussage inzwischen relativiert. Doch Jansen zeigt den Elfmeter noch einmal: Leverkusens Bernd Schneider wehrt eine Flanke im Strafraum mit dem Arm ab. „Gibt es noch Zweifel, dass ich richtig entschieden habe?“, fragt Jansen. Niemand antwortet.

Dann folgt das Spiel Kaiserslautern gegen Freiburg aus der laufenden Saison. Kaiserslautern gewann 3:0, angeblich soll Jansen zwei Tore zu Unrecht gegeben haben. Gegen die Wertung des Spiels hat Freiburg Protest eingelegt. Zuerst ist zu sehen, wie Jansen mehrmals gegen Lauterns Stürmer Carsten Jancker entscheidet, ihm sogar einen Elfmeter verweigert. „In jedem Fußballspiel machen die Schiedsrichter Fehler. Das gehört dazu. Es ist die Würze des Fußballs“, sagt Jansen. Dann folgen die angeblich manipulierten Szenen: Jancker gewinnt ein Kopfballduell, Amanatidis trifft zum 1:0. „Das war das erste Mal, dass Jancker in diesem Spiel nicht gefoult hat“, sagt Jansen. Vor dem 2:0 gewinnt Jancker an der Mittellinie einen Zweikampf, der Ball kommt zum Torschützen Amanatidis. „Zu 90 Prozent war das ein Foul“, sagt Jansen, „aber wenn ich vorhersehen kann, dass aus dieser Szene ein Tor fällt, bin ich Hellseher, kein Schiedsrichter.“

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