Eigensinniger Trainer : Wie Louis van Gaal den FC Bayern nervt

Louis van Gaal ist eine ständige Zumutung für seinen Verein, den ausbalancierten FC Bayern München. Er ist stahlkalt und stolz, trotzt jedem Sturm. Nun muss er um seine Zukunft kämpfen. Ein Porträt.

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Louis van Gaal.
Louis van Gaal.Foto: AFP

Für die hohen Herren des Vereins ist der Kulturtermin in den Südtiroler Stuben, einem Münchner Nobellokal in bester Lage, Pflicht. Stuck an der Decke, bequeme Polstermöbel, alles ist, wie es sich nach Ansicht des Rekordmeisters gehört. Zwei Bücher werden vorgestellt, Gesamtgewicht drei Kilo, mit Katrin Müller-Hohenstein wird gleich eine bundesweit bekannte Sportmoderatorin daraus vorlesen. Geschrieben hat die beiden Bände „Biografie“ und „Vision“ Bayern-Trainer Louis van Gaal, in dessen niederländischer Heimat sind sie längst erschienen.

Nun aber hat er sie um zwei Kapitel erweitert. „Niemand darf sich zum Kind machen, das trotzt, weil es nicht Recht bekommt und sich bei anderen ausheult“, liest also die Moderatorin. „Beim FC Bayern sind die Voraussetzungen in dieser Hinsicht ungünstig. Franz Beckenbauers Meinung hat den Rang göttlicher Offenbarung, und auch im Vorstand sitzen Ex-Stars wie Rummenigge und Hoeneß, die für die heutigen Stars ein offenes Ohr haben.“ Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Vereinspräsident Uli Hoeneß lauschen gebannt. Sie hören die Stimme von Katrin Müller-Hohenstein, aber es sind die Worte ihres Angestellten Louis van Gaal. „Leider muss ich das als die Kultur dieses Klubs hinnehmen. Diese Leute sind es immer gewöhnt gewesen, ihren Einfluss zu haben. Rummenigge und Hoeneß sagten: ,Louis, wir tun das doch alles auch für dich, da kannst du doch nicht allein entscheiden.' Ich antwortete: ,Doch, ich kann.'“

Ein Abend, typisch für van Gaal, auch wenn er schon etwas zurückliegt. Der Verein hat in dieser Zeit gerade den schlechtesten Saisonstart in der Vereinsgeschichte zu verarbeiten. 13 Punkte Rückstand trennen ihn vom Tabellenführer. Es ist eine Zeit, in der sich so ziemlich jeder Trainer auf der Welt bemüht hätte, kein Aufheben von sich zu machen. Aber Aloysius Paulus Maria „Louis“ van Gaal, 59, ist nicht wie so ziemlich jeder andere Trainer auf der Welt, er ist anders.

Der Mann ist eine Zumutung.

Fußballtrainer werden an ihrem Erfolg gemessen. Louis van Gaal weiß das, aber er ist ein Mann nach eigenem Maß. Sein bohrender Blick, seine gravitätische Statur, das durchgedrückte Kreuz und das verlässlich gescheitelte Haar verleihen ihm die Unnahbarkeit eines Mannes, für den Erfolg mehr ist als eine gewonnene Partie. Van Gaal will, dass seine Mannschaften mit offensivem Fußball die Menschen glücklich machen, zynischer Ergebnisfußball ist ihm zuwider. Und er will das mit jungen Spielern erreichen, denen er auch seine Werte vermittelt. Wenn auf diesem Weg hier und da mal eine Partie verloren geht, und sei es am heutigen Mittwoch das Achtelfinale der Champions League bei Inter Mailand (20.45 Uhr, live bei Sat 1), nimmt er das hin. Nur sollte sich niemand in den Weg des Louis van Gaal stellen. Da kann er sehr böse werden.

Van Gaal wurde als letztes von neun Kindern in eine streng katholische Familie geboren. Der Vater regierte mit harter Hand. Als er nach einem Schlaganfall bettlägerig war, ließ er sich seine Kinder bringen, um sie zu schlagen. Der Vater starb, als sein Jüngster elf Jahre alt war. „Ich hatte eine warme Jugend, viele Regeln, viel Disziplin“, sagt van Gaal heute. Die Polarität von wärmender Fürsorge und stahlkalter Disziplin prägt seine Arbeit bis heute. Mit Gott aber ist er fertig, seit seine erste Ehefrau Fernanda 1994 an Leberkrebs starb. „Dieses Leid war unmenschlich. Wenn ein Gott da ist, so erlaubt der das nicht.“

Auch Uli Hoeneß kann sehr wütend werden, auf seinen Trainer zum Beispiel. Aber sein Zorn ist nur der eines gutmütigen Steuermanns Starbuck gegenüber dem metaphysischen Ingrimm eines Käpt’n Ahab.

Die Bosse des Vereins wissen nicht so recht, was sie von van Gaal halten sollen. Einerseits fasziniert sie die Urgewalt, die von ihm ausgeht, andererseits geht er ihnen oft gewaltig auf die Nerven mit seinem Eigensinn. Einerseits fürchten sie, am Ende der Saison nicht nur ohne Titel dazustehen, sondern auch ohne Eintrittskarte für die Champions League 2011/12, deren Finale in München stattfindet. Andererseits haben sie, so ist aus der Führung zu hören, keine Lust, schon wieder einen Trainer auf die Straße zu setzen und sich anhören zu müssen, keine Götter neben sich zu dulden.

Heute nun trifft van Gaals Elf auf die Mannschaft, die ihr im vergangenen Jahr den Champions-Leage-Titel genommen hat. Am Samstag empfängt sie die Mannschaft, die ihr in diesem Jahr den Meistertitel nehmen dürfte. Es geht um Revanche und darum, zwei weitere Tiefschläge in dieser an Tiefschlägen reichen Saison abzuwehren. Aber es geht auch um etwas Grundsätzliches gegen Inter Mailand und Borussia Dortmund: darum, ob es mit van Gaal und dem FC Bayern weitergeht.

Dieser Trainer versteht unglaublich viel vom Spiel Fußball. Das behauptet jeder, der mal mit ihm gearbeitet hat – vor allem die Spieler. Zugleich pflegt van Gaal Umgangsformen, die immer wieder sprachlos machen.

„Er würde in der Öffentlichkeit nie in eine Rolle schlüpfen.“ Toon Gerbrands kichert, als er das sagt. Und als er länger darüber nachdenkt, wie das wohl wäre, wenn er es doch täte, wird daraus ein richtiges Lachen. „Er kann sogar wirklich böse werden, wenn man ihn bittet, etwas vorsichtiger zu sein.“ Toon Gerbrands ist Generaldirektor des niederländischen Erstligisten AZ Alkmaar. Dort arbeitete van Gaal, bevor er nach München kam. Van Gaal hat keinen Filter für seine Emotionen, und den will er auch nicht haben.

Hoeneß, Rummenigge und der stille Finanzchef Karl Hopfner lenken die Geschicke der Bayern seit vielen, vielen Jahren, kürzlich kam der junge Sportdirektor Christian Nerlinger hinzu – ebenfalls ein Kind des Klubs. Sie haben ein fein ausbalanciertes System entwickelt, mit Emotionen umzugehen. Früher fanden sie ihre Trainer bei den besten Bundesligakonkurrenten, Otto Rehhagel, Ottmar Hitzfeld, Felix Magath. Um den nationalen Betrieb zu dominieren, reichte das. Aber auf europäischer Ebene verloren die Bayern nach dem Champions-League-Sieg 2001 den Anschluss. Der Verein brauchte Impulse. 2008 kam Jürgen Klinsmann. Der riss erst mal Fenster auf, um kräftig durchzulüften. Doch er war als Trainer ein Leichtgewicht, und so riss ihn der erste Sturm aus dem offenen Fenster. Ein Jahr später kam van Gaal – ein Typ, der Scheiben einschlägt, durch das Fenster einsteigt. Und dann steht er da. Gern auch im Sturm.

Nach vier Jahren in Alkmaar, in der weltfußballerischen Diaspora, hatte ihm ein großer Verein das Vertrauen geschenkt. Ihm, der sich zweimal hochgearbeitet hat. 1991 übernahm er die Verantwortung für Ajax Amsterdam. Dort und später beim FC Barcelona setzte er Maßstäbe für herrlichen Offensivfußball. Er gewann Meisterschaften und Europapokale – bis er in ein Karriereloch fiel. Neuerliche Engagements in Amsterdam und Barcelona gingen schief. Manche sagen, dass er sich mit seiner mangelnden Flexibilität im Wege gestanden habe, er selbst würde eher auf seine Unbeugsamkeit verweisen. In Alkmaar fing van Gaal 2005 von vorn an und führte den kleinen Verein 2009 zur niederländischen Meisterschaft. „Er wollte allen zeigen, dass es ein großer Fehler war, ihn rauszuschmeißen“, sagt Toon Gerbrands.

Am ersten Tag in München trug van Gaal ein stolzes Strahlen im Gesicht. „Das bayerische Lebensgefühl passt mir wie ein warmer Mantel“, sprach er. „Mir san mir! Wir sind wir! Und ich bin ich!“ Sein Deutsch knirschte und rumpelte wie eine Maschine, die für Jahrzehnte unbenutzt in einer Scheune gestanden hatte und wieder angeworfen wurde. „Selbstbewusst, arrogant, dominant, ehrlich, arbeitsam, innovativ, aber auch warm und familiär. Ich erkenne meine Persönlichkeit in diesen Begriffen“, fuhr er fort. „Deshalb glaube ich, dass ich hierher passe.“ Die Reaktionen waren freundlich. Fast keiner ahnte, was das heißen würde: „Ich bin ich.“

Als sich die Bayern zunächst durch Liga und Europapokal quälten, diskutierte München schon, ob van Gaal völlig übergeschnappt sei. „Ich bin wie Gott!“, hatte ihn eine Boulevardzeitung zitiert. Dabei habe er nur bei der Kleiderprobe fürs Oktoberfest gescherzt, die Lederhose passe ihm „wie einem Gott“. Im Verein regte sich Widerstand gegen das strenge Regiment. Beim Mannschaftsessen verfügte van Gaal eine Sitzordnung und verlangte Manieren - womit sich Kindsköpfe wie Franck Ribéry und der inzwischen vertriebene Luca Toni schwer taten. „Ich habe Hoffnung, dass sich alle Beteiligten der Situation anpassen“, sagte Uli Hoeneß. „Wenn sie sich nicht anpassen, wird es ein Problem geben, keine Frage.“ So extrem hatte er sich van Gaal nicht vorgestellt.

Insgeheim entschieden ein paar Bosse damals, sich im Sommer von van Gaal zu trennen. Davon wollten sie freilich bald nichts mehr wissen. Die Bayern verzückten mit ihrem Fußball, sie wurden Meister, gewannen den Pokal, erreichten unverhofft das Finale der Champions League – und nebenbei hatte van Gaal der Fußballnation den WM-Helden Thomas Müller geschenkt. Während der Meisterfeierlichkeiten tobte van Gaal über den Balkon des Rathauses, ein „Feierbiest“, wie er sich selbst nannte. So hatte sich noch kein Trainer gehen lassen. Um halb sechs seien sie schließlich aus der Diskothek nach Hause gekommen, erzählte Truus, seine zweite Frau. Dann habe er noch den Fernseher angestellt, „und auch in Holland kam alles über Bayern. Da war er so stolz“. Seine Freunde, mit denen er zu Hause in Nordwijk Bridge spielt, nennen ihn „King“.

Aber selbst in dieser Phase blieb er sich treu. Er sagte: „Hier hat die Mannschaft mehr an mich geglaubt als der Vorstand.“ Einer wie er vergisst nichts.

Nach einem abermals schleppenden Saisonstart beharken sich der Trainer und seine Vorgesetzten auch jetzt wieder in einer Tour. Im Sommer wollte van Gaal partout keine neuen Spieler, weil er davon besessen ist, die besser zu machen, die er hat. Im Winter brüskierte er den Vorstand, indem er ohne Not und ohne Rücksprache den erfahrenen und starken Torwart Jörg Butt durch das erst 22-jährige Talent Thomas Kraft ersetzte. Dabei wollten seine Chefs im Sommer endlich ihren Wunschkandidaten, Nationaltorwart Manuel Neuer, kaufen. Das dürfte nicht mehr gehen, wenn van Gaals Wahl sich durchsetzt. Macht Kraft hingegen ein, zwei entscheidende Fehler, zum Beispiel gegen Mailand, dürfte das van Gaal endgültig den Job kosten. Es ist ein Risiko, das kein anderer Trainer eingegangen wäre.

Aber Louis van Gaal hat Vertrauen, nicht in Gott oder irgendwen. Er hat ja seine Spieler – und sich selbst.

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