Sport : Eigentlich sauber

Kein Dopingfall in Osaka, doch der Verdacht bleibt

Friedhard Teuffel

Osaka - Allyson Felix fliegt fast über die 200 Meter, und die US-Amerikanerin schafft es, zwischen sich und die Zweitplatzierte gute zehn Meter zu bringen. Der Vorsprung auf die 100-Meter-Weltmeisterin Veronica Campbell ist auf einmal so groß, dass er an eine andere Athletin erinnert. Hatte nicht Marion Jones ihre Konkurrentinnen auch immer so weit abgehängt, die dopingverdächtige Marion Jones? Felix siegt in einer Zeit (21,81 Sekunden), die sie nicht verdächtig machen sollte, eigentlich.

Eine Dreiviertelstunde später ist Jeremy Wariner dran. Er scheint die Stadionrunde von Anfang an nur gegen sich selbst zu rennen, und als er mit der drittschnellsten je gelaufenen Zeit über 400 Meter ankommt, ist ihm die Anstrengung nicht anzusehen. Er ist kaum außer Puste und das auf einer Strecke, nach der sich viele Athleten zum Übergeben in die Ecke stellen müssen. „Eigentlich geht das nicht“, sagt Bastian Swillims, der beste deutsche Läufer auf dieser Distanz. Eigentlich.

Dieses eigentlich hat die Weltmeisterschaften in Osaka von Tag zu Tag begleitet, es klebte an jeder herausragenden Leistung. Eigentlich Weltklasse, eigentlich würde man allen so gerne glauben. Es gibt auch bei dieser WM Zahlen, aber sie können keine Gewissheit bringen. 1060 Dopingtests ließ der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) nehmen und zusätzlich 500 Bluttests. Positiv ausgefallen ist – kein einziger. Zumindest eine Probe jedoch erweckte Zweifel. Aufgefallen sind auch viele Bluttests, etwa bei zehn Prozent war der Hämoglobin-Wert erhöht. Blutdoping? Die IAAF will den Auffälligkeiten mit weiteren Tests nachgehen.

Viele Athleten sind mit weißen Bändern am Handgelenk ins Stadion gekommen, „True athlete“ steht darauf oder „Test me, I’m clean“. Andere scheinen der Dopingdiskussion einfach nur entkommen zu wollen so wie ihren Gegnern auf der Laufbahn. „Ich hoffe, dass die ganze Situation bald verschwindet“, sagte Tyson Gay, der das Publikum in Osaka mit gleich drei Goldmedaillen zum Staunen brachte.

„Es hat immer herausragende Athleten gegeben und es gibt sie auch jetzt“, sagt der deutsche Cheftrainer Jürgen Mallow, „wir führen eine Gespensterdebatte. Vielleicht fragt man sich im Ausland auch, warum unsere Werferinnen so stark sind.“ Er möchte lieber über intelligentere Kontrollen reden. „Wenn Athleten zwischen 23 Uhr und sieben Uhr morgens nicht kontrolliert werden, ist das, wie neben einer Bank ein Plakat aufzuhängen: Diese Bank wird nicht bewacht.“ Und in die Dopinganalytik investieren lassen. „Die Bundesregierung könnte doch 10 Millionen Euro in die Dopinganalytik stecken für die Chancengleichheit unserer sauberen deutschen Athleten.“ Diese Forderung konnte der Deutsche Leichtathletik-Verband in Osaka gleich der Bundeskanzlerin übergeben, sie war im Stadion zu Gast und sagte zu, mit dem Innenminister über das Dopingproblem reden zu wollen.

Die Leistungen sind in Osaka nicht explodiert, es gab nicht einen Weltrekord. Die noch bei den Europameisterschaften so verdächtig erfolgreichen Russen holten nur vier Mal Gold. Gut möglich, dass sie nach dem positiven Dopingtest der Hammerwurf-Weltrekordhalterin Tatjana Lysenko im Juli vorsichtig geworden sind.

In Osaka sind auch einige gesperrte Athleten wieder zurückgekommen – auf Bewährung gewissermaßen. Die Britin Christine Ohuruogu war wegen drei versäumten Tests ein Jahr gesperrt gewesen, über 400 Meter wurde sie in Osaka Weltmeisterin. Auch die brasilianische Weitspringerin Maurren Higa Maggi ist wieder da und wurde mit 6,80 Metern Sechste. Zwei Jahre war sie gesperrt, es wurde das Anabolikum Clostebol nachgewiesen. Eine gerechte Strafe? „Sie hat sich Körperbehaarung mit dem Laser entfernen lassen, und die Ärztin hat ihr dabei ein Gel aufgetragen, damit es nicht so schmerzhaft ist. Ist das Doping?“, fragt Maggis Manager, der Niederländer Jos Hermens. Es gibt bei seiner Geschichte auf jeden Fall ein Opfer. Entweder ist es Mauren Higa Maggi. Oder es ist die Wahrheit. Friedhard Teuffel

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