Sport : Eigentore für 25 000 Euro

Verdächtigte, Verfolgte und Verhöre: In Belgien ist Realität, was Deutschland bevorstehen könnte

Ruth Reichstein[Brüssel]

Am Donnerstag bekam Filippo Gaone Besuch. Ermittler der belgischen Polizei standen vor der Tür, um den Präsidenten des AA La Louvière zu verhören. Gleichzeitig wurden Wohnungen und Häuser mehrerer Personen, darunter Spieler, im Umfeld des belgischen Erstligavereins durchsucht. In Belgien hat man sich an solche Maßnahmen gewöhnt, seit bekannt wurde, dass ein von Schanghai aus operierender Ring vermutlich Erstligaspiele manipuliert hat. Aufmerksam war die Polizei geworden, als im November plötzlich hohe Summen auf Spiele gesetzt wurden.

Seitdem werden jede Woche neue Details öffentlich, Vereine von anonymen Zeugenaussagen oder den Ermittlungsergebnissen der Brüsseler Staatsanwaltschaft belastet. In der laufenden Saison sollen bereits bis zu zehn Spiele manipuliert worden sein. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht La Louvière. Allein sechs der betroffenen Spiele wurden im Stadion des Erstligisten ausgetragen. Insgesamt wurden in einem Beitrag des Fernsehsenders VRT 14 Trainer, Spieler und andere Verantwortliche mit Namen genannt. Auch die Vereine Sint-Truiden und SK Lierse sollen verwickelt sein.

Gilbert Bodart gilt als einer der Hauptverantwortlichen im Wettskandal. Angeblich soll die Wettmafia La Louvières ehemaligen Trainer sogar in Halbzeitpausen angerufen und seine Familie bedroht haben, falls das Spiel nicht das gewünschte Ergebnis bringen sollte. Bodart beschwerte sich bereits mehrfach über Bedrohungen und Telefonterror, seine Frau hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet, weil sie systematisch von einem Geländewagen verfolgt wird. Dennoch bestreitet Bodart bisher jede Beteiligung an Wetten und Manipulationen.

Sicher scheint, dass hinter den Manipulationen ein chinesischer Geschäftsmann, Zheyun Ye, steckt – und mit ihm eine ganze Organisation. Er hatte schon im vergangenen Jahr versucht, zwei Spieler des Antwerpener Vereins Germinal Beerschot zu bestechen. Er bot beiden 25 000 Euro an, wenn sie ab und zu Spiele beeinflussen – zum Beispiel mit Eigentoren oder mit einer zurückhaltenden Verteidigung. Beide aber ließen sich nicht darauf ein und meldeten den Vorfall den Behörden.

Seitdem durchsuchten die Behörden die Vereinsheime verschiedener Klubs und verhörten einzelne Spieler, unter anderem bei La Louvière. Die Brüsseler Staatsanwältin Silviana Verstrecken ließ die gesamte Buchführung des Vereins und die Spielerverträge beschlagnahmen. Zu den laufenden Verfahren will sich die Staatsanwältin vorerst aber nicht äußern.

Der Einfluss des Chinesen ging offenbar so weit, dass er bei den Klubs ohne größeren Aufwand eine Niederlage mit zwei Toren Unterschied bestellen konnte. In Belgien konnte der Geschäftsmann offenbar besonders gut operieren, weil die Vereine nur über begrenzte Finanzmittel verfügen und deshalb anfälliger für Angebote wie die des Chinesen sind. Zheyun Ye hat in Belgien und anderen europäischen Ländern versucht, Klubs zu kaufen. Unter anderem stieg er über Mittelsmänner beim finnischen Erstligisten AC Allianssi ein, wo er von einem Tag auf den anderen sechs belgische Spieler und einen belgischen Trainer installierte. Das folgende Spiel des Meisterschaftszweiten ging 0:8 verloren und zog die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich. Einer von Yes Mittelsmännern soll Pietro Allatta sein, der Talentscout des FC Metz. Müßig zu erwähnen, dass auch Spiele französischer Klubs unter Manipulationsverdacht stehen.

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