Sport : Ein Albtraum-Job

Helmut Schümann

Das Mitgefühl ist allerorten groß, und es dürfte echt sein. Wer will auch grollen oder gar hämisch sein, wenn ein Fußballspieler im besten Alter sein übergroßes Talent herschenkt und seine Karriere verschwendet. Sebastian Deisler hat einen Entschluss gefasst. Zuvor hat er seinen Willen befragt und der hat ihm gesagt: „Verweigere dich!“ Man kann das verstehen, und auch wenn der Fußballfreund Trauer trägt, weil einer der begabtesten Fußballspieler hierzulande abtritt, man kann die dahinterstehende Haltung auch sympathisch finden. Deisler hat gelitten, unter Depressionen, unter fünf schweren Verletzungen, möglicherweise auch, weil zwischen allem ein Zusammenhang bestehen könnte – und er hat unter den Gepflogenheiten der Branche gelitten.

Er hat Fußball spielen wollen, nur Fußball spielen wollen. Aber das allein ist nicht mehr möglich, wenn einer so gut das Spiel beherrscht, dass er eben nicht nur mit Kumpels auf der Wiese kickt, sondern für Geld, viel Geld, in der breitesten Öffentlichkeit. Die Bezahlung für dieses Treiben ist erstklassig, aber der Druck ist es eben auch. Deisler war „Basti Fantasti“, sollte Heilsbringer sein und Häuptling. Er will nicht. Mag nicht mehr stets zur Verfügung stehen, stets gut gelaunt sein, stets am körperlichen Limit sich bewegen, immer wach sein, immer nicken, und die Verantwortung für die vielen Millionen Euro, die sein Spiel eben auch bewegt, locker tragen. Plus der vielleicht etwas altmodischen Verantwortung für das emotionale Wohl und Wehe der Fans. Da kann einer mit gerade mal 27 Jahren schon auch mal sagen: Nein, das ist mir zu viel. Es ist ihm zu gratulieren, dass er mit dieser außergewöhnlichen und sensiblen Haltung beim FC Bayern gut und behutsam aufgehoben ist. Fußballprofi, das mag für die meisten ein Traumberuf sein, der Ruhm, Reichtum und Ehre bereithält. Für Sebastian Deisler ist er offensichtlich zum Albtraum- Job geworden.

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