Sport : Ein anderer Fußball ist möglich

Bleibt nur noch die Frage, ob wir ihn auch wollen

Wolfram Eilenberger

Wie spät ist es? Es ist fünf vor zwölf am ersten Bundesligasonntag im Jahr des Affen. Wie ist die Lage? Natürlich schlecht, natürlich katastrophal, wir stehen mal wieder kurz vor dem Ende. Was brauchen wir unbedingt? Wir brauchen Punkte und Geld! Und was noch? Noch mehr Punkte und noch mehr Geld! Und dann? Punkte und Geld, verdammt noch mal!

Das Spiel, von dem hier die Rede ist, heißt Fußball. Diesem Spiel geht es nicht gut. Noch übler als dem Fußball geht es seinen Vereinen. Der Rausch der Börsenspielbanken, dem die Verantwortlichen verfallen sind, rächt sich. Konkreter als gekannt bedroht er die Existenz europäischer Eliteklubs. Bankrott, kriminell verstrickt oder mit Hypotheken belastet, die sich bis zur Besiedlung der Marskolonien ziehen, starrt man gemeinsam in den Abgrund.

Na und? Vereine kommen und gehen. Der Fußball aber bleibt. Denn der Fußball ist groß, größer als jede Krise und gierigste Unvernunft. Und groß, immer größer ist das Spiel in den letzten hundert Jahren wirklich geworden; womöglich zu groß. Es kann sich kaum noch beherrschen.

In seiner übelsten Gestalt, also der panikbefallener, angelernter Manager, drängte der Markt auch diesen Winter wieder auf Eingriffe, die Struktur und Charakter des Spiels betreffen. Die asienfreundliche Änderung der Anstoßzeiten sowie die vom traditionell bratwurstbegeisterten DFB angeregte Verlängerung der Halbzeitpause stellt hier nur einen Aspekt dar. Ist der Stoff knapp und der Druck hoch, so weiß es die gemeine Dealervernunft, wird der Stoff halt gestreckt. Das ist zwar nicht gut für den Kick, aber ein süchtiger Fan lässt sich manches gefallen. Neben dieser Strategie maximaler Ausschöpfung (Zerstückelung der Spieltage, Erhöhung der Turnierteilnehmer, der „Champions“, der Trophäen), die auf Ermüdungsgrenzen trifft, gibt es einen zweiten, ungleich beunruhigenderen Strang. Er ist mit neuartigen technologischen Kontrollmöglichkeiten verbunden und zielt auf eine Löschung der fußballprägenden Unverfügbarkeit ab.

Das komfortable Hallenschiebedach, der unaufhaltsame Vormarsch des Kunstrasens, die totale Feldüberwachung samt Zulassung des Videobeweises, all diese (möglichen) Innovationen minimieren die Ausgeliefertheit an den Eigensinn des Spiels. Nach Überzeugung mächtiger „Puristen“ sind Wettereinflüsse und Platzfehler, insbesondere aber Fehlentscheidungen und Abseitsdilemmata nichts als spielfremde Störungen, die regelmäßig zu Verzerrungen eines absehbaren und gerechten Ausganges führen. Man kann das nachvollziehen. Wer mit jeder Menge Kohle auf die Zukunft spekuliert, um die leistungsstärkere Elf auf dem Platz zu haben, der soll erwarten dürfen, dass seine bessere Mannschaft gewinnt. Wo kommen wir denn hin, wenn ein Rasenloch oder eine Fehlentscheidung zu Millionen-Ausfällen führt?

Ein alte und deswegen vermutlich furchtbar dumme Antwort wäre: zum Fußball. Die Welt kennt jede Menge ästhetischere, aktionsreichere, dichtere und schnellere Ballspiele. Sollte es einen spielinternen Grund für die Dominanz des Fußballs geben, dann seine göttliche Eigensinnigkeit, die selbst jenen eine ewige Platzhoffnung bewahrt, die materiell, spielerisch und meinetwegen auch mental unterlegen sind.

Ein anderer Fußball, ohne diese Musik des Zufalls und ohne skandalöse Spielverläufe, wird heute möglich. Die hehre Aussicht, eine direkt spielbestimmende Video- und Infrarotüberwachung führe zu einer höheren Entscheidungstransparenz und nütze so gerade den kleineren, vorgeblich chronisch benachteiligten Vereinen, wird indes nur Gemüter erfüllen, die glauben, dass der Weihnachtsmann die Handys bringt.

Das unbedingt zu behandelnde, existenzbedrohende Problem liegt deshalb nicht auf dem Feld, sondern in den geltungsfrohen und ungeschulten Spekulanten, die sich seiner bemächtigen. Um ihre eigenen Aktien im Spiel zu halten, verhökern sie nicht nur die Passion ganzer Landstriche, sondern am Ende noch das Kapital des Spieles selbst.

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