Sport : Ein Anführer aus Argentinien

Im Nationalteam ist Juan Pablo Sorin Kapitän – nun soll er den Hamburger SV voranbringen

Sven Goldmann

Berlin - Villarreal ist ein spanisches Provinzstädtchen, in dem es nicht viel gibt außer einer Keramikfabrik und dem lokalen Fußballklub. Es lebt sich nicht besonders angenehm in Villarreal, wenn man Ärger hat mit den beiden wichtigsten Männern dieses Fußballklubs, dem Trainer und seinem Spielmacher. Es wird auch nicht besser, wenn alle drei handelnden Personen aus Argentinien kommen. Juan Pablo Sorin hat zuletzt nicht mehr viel Spaß gehabt. Zuerst soll er sich mit Spielmacher Juan Roman Riquelme verkracht haben, danach mit Trainer Carlos Pellegrini. Am Sonntag durfte er nur zuschauen, als seine Mannschaft zum Saisonauftakt ein 0:0 bei Real Madrid erkämpfte. Drei Tage später war die Trennung perfekt. Juan Pablo Sorin, immerhin Kapitän der argentinischen Nationalmannschaft, wechselt zum Hamburger SV, für eine Ablösesumme von 2,5 Millionen Euro. Vor ein paar Wochen hatte Villarreal vom VfB Stuttgart noch sechs Millionen verlangt. Am späten Mittwochabend unterschrieb Sorin einen Drei-Jahres-Vertrag in Hamburg. „Ich freue mich auf die Herausforderung Bundesliga und den tollen Klub“, sagte der Argentinier. HSV-Manager Dietmar Beiersdorfer bekannte: „Wir sind froh, dass wir Sorin verpflichten konnten. Er ist ein internationaler Topspieler, der eine Menge Erfahrung in unsere Mannschaft bringt.“

Sorin soll auf der linken Seite die Rolle übernehmen, die Timothee Atouba im vergangenen Jahr so grandios ausgefüllt hat. Da der Kameruner aber nur noch mit dem Feilschen über einen besser dotierten Vertrag von sich reden macht, sahen die Hamburger Handlungsbedarf. Für die Bundesliga ist Sorins Wechsel ein Quantensprung. Deutschland war nie eine erste Adresse für argentinische Nationalspieler, denen die großen Klubs in Italien und Spanien immer näher standen – aus sprachlichen und finanziellen Gründen. Anfang der neunziger Jahre versuchte sich in Stuttgart der Mittelfeldspieler José Basualdo, den der damals noch junge Trainer Christoph Daum gleich auf die Tribüne setzte, um Autorität zu demonstrieren. In dieser Saison setzen Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC auf argentinische Spielkunst, doch Federico Insua und Christian Gimenez sind daheim keine große Nummer.

Sorin ist eine andere Kategorie. Als Kapitän der Nationalmannschaft steht er in der Tradition von Künstlern wie Diego Maradona und Strategen wie Daniel Passarella. Es gibt in Argentinien begabtere Spieler als den kleinen Mann mit der gewaltigen Lockenmähne. Sorin spielt den Part auf der linken Seite brav und offensiv, aber nicht gerade mit überschäumender Kreativität. Und doch war er als Kapitän der seleccion gesetzt, denn einen besseren Anführer haben sie nicht in Argentinien. Ist das Spiel beendet, legt Sorin erst richtig los. Wenn er erst einmal zu reden anfängt, hört er so schnell nicht mehr auf. Vor allem, wenn es um Argentinien geht, die geliebte Heimat, die er seit Jahren nur noch im Urlaub sieht. „Die Liebe zur Nationalmannschaft kann man mit keiner anderen vergleichen. Ich sterbe für dieses Trikot. Ich bin so, ich will mein ganzes Leben lang für dieses Team spielen“ – solche Vorträge hält Sorin oft und gern. Als ein paar Argentinier nach der Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Deutschland Amok liefen, bemühte sich Sorin um Schlichtung. Die Liebe zum Vaterland gebot es dem 30-Jährigen, Argentiniens Renommee in der Weltöffentlichkeit zu verteidigen. Sorins Vereinstreue ist weniger stark ausgeprägt. Der HSV ist seine neunte Station in zwölf Jahren Profifußball. Nur in Buenos Aires bei River Plate (1996 – 1997) und in Villarreal hielt er es länger als ein Jahr aus.

Vielleicht ist es auch so, dass es die anderen nicht sehr lange mit ihm ausgehalten hatten. Sorin kokettiert ein wenig mit dem Ruf des etwas anderen Fußballprofis. Er philosophiert öffentlich über seine linke Gesinnung und schreibt Gedichte.Wenn er mal in Buenos Aires ist, moderiert er eine Radiosendung mit dem hübschen Namen tubo de ensayos, zu Deutsch: Reagenzglas. Seine Kritiker monieren, der Fußball komme dabei manchmal zu kurz.

Am Sonntag spielt Sorin mit der Nationalmannschaft in London gegen Brasilien. Auch unter Nationaltrainer Alfio Basile, dem Nachfolger des zurückgetretenen José Pekerman, ist er als Kapitän eingeplant. „Es ist eine unvergleichliche Ehre, die gleiche Binde überzustreifen, die Diego Maradona getragen hat, der Größte aller Zeiten“, hat Sorin einmal gesagt. Auch sein Rivale Juan Roman Riquelme wird in London erwartet. Es werden wohl keine allzu herzlichen Begrüßungsworte fallen zwischen den einstigen Mannschaftskollegen aus Villarreal.

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