Ein Appell : Verzichtet auf Jugendspiele!

Mit Olympischen Spielen für den Nachwuchs gefährdet der Sport sich selbst. Helmut Digel plädiert für Grenzen des Wachstums in der Welt des Hochleistungssports.

Helmut Digel
Helmut Digel
Helmut Digel, Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes. -Foto: Imago

In der Welt des Sports lässt sich eine neue Spezies beobachten. Wir müssen sie die Unersättlichen nennen. Denn sie haben nichts anderes im Sinn, als dass wir uns möglichst rund um die Uhr nur einem Fernsehprogramm zuwenden: den Sportsendungen.

Mit dem Fußball fing es an. Sieben Tage kann man ihn jetzt anschauen, das ganze Jahr lang. Das „Business Fußball“ zielt auf das Totalitäre. Der Fußball hat auch die Macht, den Zeitraum selbst zu bestimmen, in dem die Menschen von ihm eingefangen werden. Bei wichtigen Spielen erstreckt sich die Fangzeit auf vier bis fünf Stunden rund um das Spiel. Fast alle olympischen Sportarten bemühen sich heute, ihre Fernsehpräsenz zu erhöhen, nach dem Muster des Fußballs.

Der Weltverband der Leichtathletik hat zunächst den Turnus seiner Weltmeisterschaften von vier Jahren auf zwei Jahre reduziert und dann die Cross-Weltmeisterschaften, den World- Cup, das Weltfinale, die Welt-Junioren- Meisterschaften und weitere Weltmeisterschaften hinzugefügt. Nun will der europäische Verband seine Meisterschaften alle zwei Jahre veranstalten – trotz der Gefahr, in einen Zeitkonflikt mit den Olympischen Spielen zu geraten.

Im Handball setzt der Weltverband gegen die Interessen der Bundesliga- Teams und des europäischen Verbandes ein zusätzliches Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele durch. Die Klub-Wettbewerbe sind mittlerweile so zahlreich, dass der Zuschauer oft nicht mehr weiß, aus welchem Grund welche Mannschaft an welchem Tag gegen eine andere spielt. In vielen Sommer- und Wintersportarten sieht es so aus.

Hat eine Wintersportdisziplin Erfolg, versucht sie den Gelüsten der Vermarkter zu folgen. Die Verbandsverantwortlichen erfinden Wettbewerbe, strecken die Saison und sind bemüht, dass Wintersport auch Sommersport ist. Die Steigerung davon ist das jüngste Vorhaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Bei seiner Session in der kommenden Woche in Guatemala will es jetzt beschließen, Olympische Spiele für Jugendliche einzuführen. Sie sollen alle vier Jahre stattfinden, die Begegnung der Jugendlichen soll dabei im Mittelpunkt stehen.

Dabei verkennt das IOC, dass für die Jugendlichen dann nichts anderes zählen wird als der olympische Sieg, dass in jenem Land, in dem die ersten Jugendspiele ausgetragen werden, das neue olympische Event die gleiche Funktion auszuüben hat wie die großen Olympischen Spiele und dass das neue Event ohne eine umfassende Vermarktung nicht existieren wird. Damit kann eine Abwertung der großen Spiele einhergehen. Die Entscheidung des IOC ist fatal, weil sie einen Selbstgefährdungsprozess des olympischen Sports eher begünstigt als verhindert.

Die Verantwortlichen einer Sportart wie der Leichtathletik können gewiss der Empfehlung der Fernsehbosse folgen und Wettkämpfe auf den Sonntagvormittag zwischen 9 und 12 Uhr legen, weil sie dort noch Sendezeit bekommen. Sie akzeptierten damit die Priorität des Fußballs, den zweiten Rang der Formel 1 und wären zufrieden, da es noch einige Sportarten gibt, denen lediglich die Zeit zwischen morgens 7 und 9 Uhr zugewiesen wurde. Bei all der heute stattfindenden sportlichen Parzellierung des Fernsehtages und der damit verbundenen Ausweitung des Jahreskalenders der verschiedenen Sportarten wird jedoch nicht wahrgenommen, dass nicht nur die Ressource Zeit für den Mensch endlich ist, sondern dass sich im Sport selbst die Ressource Mensch in der Form seiner Spieler und Athleten ebenfalls als endlich erweist.

Dies zeigt sich allein darin, dass eine ganze Reihe der olympischen Sportarten erhebliche Nachwuchsprobleme hat. Noch wichtiger ist, dass die Belastbarkeit des Menschen als Athlet psychisch, sozial und vor allem physisch an ihre Grenzen gerät. Diese Grenzen sind in vielen Sportarten bereits erreicht oder überschritten. Die Zunahme des Dopingbetrugs bringt dies deutlich zum Ausdruck. Im Handball kann man beobachten, dass sich Spielerinnen und Spieler viel zu oft selbst mit Tabletten behandeln. Auf diese Weise können wohl die Schmerzen verdrängt werden, die sonst das Spiel unmöglich machen würden.

Die Frage, wie lange man Schmerzen verdrängen darf, ja die Frage, ob solch ein Weg überhaupt sinnvoll ist, wird jedoch weder ethisch diskutiert noch werden den Spielern praktizierbare Lösungen angeboten. Neuere Erkenntnisse der Sportwissenschaft zeigen uns, dass das Gesundheitsmanagement in fast allen olympischen Sportarten so gut wie nicht existiert und gesundheitsbedingte Abbrüche von Karrieren im gesamten Spitzensport anzutreffen sind.

Wer als Sportfachverband überleben möchte, benötigt neue Einnahmequellen, um neue Aufgaben befriedigend lösen zu können. Da das Fernsehen das zentrale Medium für eine gelungene Vermarktung des Sports darstellt, ist die Ausrichtung des Wettkampfkalenders auf das Fernsehen und das Bemühen um erhöhte Fernsehpräsenz verständlich und naheliegend.

Sinnlos und existenzgefährdend ist das Steigerungsphänomen jedoch für den Sport, weil alle Disziplinen derzeit so handeln und es keine unabhängige Kontroll- und Steuerungsinstanz gibt. Sie wäre aber notwendig, denn sie könnte Warnsignale setzen, wenn Grenzen überschritten sind. Gerade deshalb muss die Entscheidung des IOC für Olympische Jugendspiele als fatal bezeichnet werden. Denn das IOC wäre eigentlich diese Kontrollinstanz.

Diese Instanz hat sich in der Vergangenheit oft genug dadurch ausgezeichnet, dass sie nicht nur dem sportlichen „schneller, weiter, höher“ folgt wie zum Beispiel bei der Vermarktung der Olympischen Spiele: Bis heute zeichnen sie sich durch werbefreie Sportanlagen aus. Das IOC hatte offensichtlich Stoppregeln, die das selbstzerstörerische Wachstum zu verhindern wussten. Dies gilt auch für die Anzahl der teilnehmenden Athletinnen und Athleten, die Anzahl der Sportarten und die Dauer der Spiele. Auf internationaler Ebene gibt es keine andere Organisation, die als Mediator wirken könnte, um die gefährlichen Entwicklungen in der Welt des Hochleistungssports aufzudecken und einzuschränken. Der Verzicht auf Olympische Spiele für die Jugend wäre nun ein erster Schritt.

Professor Helmut Digel ist Vizepräsident des Internationalen Leichtathletikverbandes und Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Tübingen.

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