Sport : Ein Aufstand alter Männer

Wie die betagten Oakland Raiders um ihre letzte Super-Bowl-Chance kämpfen

Christian Hönicke

Die Zeit läuft gegen sie. Die Oakland Raiders wissen das. Sie stehen im Halbfinale der US-Footballliga NFL und sind nur noch ein Spiel vom Endspiel entfernt. Und die Raiders müssen gewinnen. Anders als für die drei weiteren verbliebenen Mannschaften Tampa Bay, Philadelphia und Tennessee wird es für Oakland so schnell keine weitere Chance auf den Gewinn des Super Bowls geben. Es ist der letzte Anlauf eines Teams voller alter Männer, das sich noch einmal aufgerafft hat, es nach ganz oben zu schaffen.

Neun Stammspieler sind älter als 30 Jahre, sechs von ihnen haben bereits die 36 überschritten. Mannschaftsältester ist Jerry Rice, der schon seit 1985 in der NFL spielt und als einer der besten Spieler aller Zeiten gilt. Der Passempfänger ist 40. Seine signierten Trikots werden mittlerweile in der Rubrik „Antiquitäten“ geführt und kosten 399 Dollar.

Gegen den hageren Rice, der sein schwindendes Haupthaar fast verschämt unter einem Kopftuch versteckt, wenn er keinen Helm trägt, wirkt der andere Passempfänger Tim Brown mit seinen 36 Jahren fast jugendlich. Das bewahrt ihn aber nicht davor, von jüngeren Mannschaftskameraden ehrfurchtsvoll „Mister Brown“ genannt zu werden. Kein Wunder, schließlich spielen die beiden Legenden inzwischen sogar mit Söhnen ehemaliger Mitspieler in einer Mannschaft. Auch ihre Gegenspieler sind mitunter 15, fast 20 Jahre jünger. „Wenn die sehr körperbetont spielen, müssen wir halt damit umgehen“, sagt Rice. Zu den schnellsten zählen beide nicht mehr, aber ihre über Jahrzehnte angesammelten Tricks und Kniffe helfen ihnen dabei, die Gegner immer wieder ins Leere laufen zu lassen.

Brown und Rice werden sich auch am Sonntag gegen die starke Verteidigung der Tennessee Titans etwas einfallen lassen müssen. Eine Niederlage würde das Ende der Raiders bedeuten, nicht nur in dieser Saison. Die Zweckgemeinschaft der alten Männer wird auseinanderbrechen, so oder so. Einige werden aufhören, andere noch einmal das Team wechseln. „Ich denke, jeder weiß das“, sagt Rich Gannon. Seit 15 Jahren tingelt der Spielmacher nun schon durch die Liga, recht erfolgreich sogar, doch der ganz große Durchbruch gelang ihm nie. In diesem Jahr brach er plötzlich diverse Rekorde und wurde sogar zum wertvollsten Spieler der NFL gewählt – im zarten Alter von 37.

Auch Rod Woodson weiß, dass der Superbowl am 26. Januar in San Diego die letzte Möglichkeit für seine Raiders ist. „Weil wir alte Kerle sind.“ Woodson, 37, wurde wie Bill Romanowski, 36, vor dieser Saison geholt, um die Abwehr zu verstärken. Nachdem der Verteidiger im Spiel gegen Denver einen abgefangenen Pass 98 Yards über das komplette Spielfeld zurückgetragen hatte, lag er minutenlang keuchend und hustend auf dem Boden. Angeblich war bereits ein Sauerstoffzelt unterwegs.

Das hat wohl auch Trainer Bill Callahan nachdenklich gemacht. Nach vier Niederlagen in Folge verkürzte er das Training, vor allem aus Rücksicht auf die Spieler, die kaum jünger sind als er selbst. Es half. Gerade, als Spötter meinten, nun gehe den Senioren die Puste aus, gewann Oakland sieben der letzten acht Partien in der regulären Saison und zog als bestes Team der American Football Conference (AFC) in die Play-offs ein. Im Idealfall starten sie durch bis zum Super Bowl nach San Diego. Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass dort schon Sauerstoffzelte aufgebaut werden.

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