Sport : Ein Bänderriss zwingt Nicolas Kiefer beim Tennisturnier in Stuttgart zur Aufgabe

Jörg Allmeroth

Nach einer bösen Verletzung beim Stuttgarter Tennisturnier ist die WM-Teilnahme von Nicolas Kiefer in Gefahr geraten: Bei einem unglücklichen Ausrutscher auf dem stumpfen Boden der Schleyer-Halle erlitt die deutsche Nummer eins im Zweitrunden-Spiel gegen den Rumänen Andrej Pawel einen Bänderanriss und einen Kapselschaden im linken Sprunggelenk. Offenbar kann Kiefer bis zum Start des WM-Turniers in Hannover in vier Wochen keine weiteren Wettbewerbe mehr bestreiten und muss darauf hoffen, dass ihm seine gegenwärtigen 2322 Qualifikationspunkte für eine Teilnahme ausreichen.

Zudem ist fraglich, ob Kiefer sich auf das gefährliche Spiel einlässt, direkt aus einer Rehabilitationsphase den abschließenden Saison-Höhepunkt zu bestreiten. "Hannover streiche ich jetzt erst einmal aus meinem Kopf", sagte der Weltranglisten-Siebte, der in den kommenden Wochen erst wieder auf den Platz gehen will, "wenn ich hundertprozentig fit und gesund bin". Kiefer will sich in dieser Woche von den Ärzten und Physiotherapeuten in Stuttgart behandeln lassen.

Beim Stande von 5:3 und 15:40 war Kiefer nach bei einem Richtungswechsel an der Grundlinie weggerutscht. Verzweifelt hatte er sich zunächst noch zwei Spiele lang gegen die eigene Demission gestemm. Doch als die Schmerzen im linken Sprunggelenk nicht nachließen, blieb ihm nichts anderes als der Rückzug übrig. "Es war ein sehr, sehr großer Schmerz", sagte der 22-Jährige, dessen rechter Fuß massiv anschwoll und dem rasch klar war, "dass die Sache keinen Sinn mehr hatte". Kiefer, in der Weltrangliste zurzeit schon die Nummer sieben, wurde sofort zu einer eingehenden Untersuchung in die Sportklinik Bad Cannstatt gebracht.

Die deutschen Interessen in Stuttgart werden nach dem Erstrunden-Aus für Rainer Schüttler (gegen Michael Chang) und der Aufgabe Kiefers jetzt einzig und allein von Thomas Haas vertreten, der heute um 14 Uhr auf den Sieger der Partie zwischen Justin Gimelstob (USA) und Wayne Ferreira (Südafrika) trifft. Allerdings geht der leicht grippekranke Haas keinesfalls mit voller Kraft in das Spiel, in dem er auch seine vage Chance auf eine WM-Teilnahme in Hannover wahren will.

Schon vor zwei Jahren hatte Kiefer in Stuttgart großes Verletzungspech gehabt, als er sich beim Weissenhof-Turnier in der zweiten Runde einen Bänderriss im rechten Sprunggelenk zuzog. Junior Team-Chef Boris Becker brachte Kiefer damals noch selbst in der Nacht mit dem Auto nach München zu einer Visite beim Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem Arzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

"Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und mehrfacher Bandagierung kann so eine Verletzung bei Extrembelastungen immer wieder vorkommen" sagte gestern ATP-Masseur Jürgen Dess. "Wir haben Nicolas auch empfohlen, das Spiel aufzugeben, um die Sache nicht noch zu verschlimmern." Bereits Anfang des Monats war Kiefer beim Hallenwettbewerb im schweizerischen Basel mit dem linken Fuß umgeknickt, doch bei einem nachträglichen Gesundheitscheck in Wien hatte Kiefer die Zustimmung für weitere Einsätze erhalten. Auch Professor Klaus Steinbrück, Chefarzt der Cannstatter Sportklinik, erklärte, aus ärztlicher Sicht hätten keine Bedenken gegen einen Start Kiefers bestanden: "Er ging zwar mit Schmerzen ins Match, aber das war nicht riskant oder gefährlich."

"Das ist eine schlimme Sache", sagte Kiefers Coach Bob Brett. "Die Enttäuschung sitzt sehr, sehr tief." Nach den hervorragenden Turnierwoche im europäischen Tourherbst habe sich Kiefer "wahnsinnig auf den Start vor eigenem Publikum gefreut", sagte Brett. "Nicolas wollte seine Leistung hier unbedingt bestätigen."

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