Sport : Ein Bauernopfer in der Buchhandlung

In Oberstdorf fügt Dopingsünder Johann Mühlegg seinem Buch „Allein gegen alle“ ein neues Kapitel hinzu

Benedikt Voigt

Oberstdorf - In der Buchhandlung Edele in Oberstdorf kommt es hoffentlich nicht oft vor, dass Bücher mit Füßen getreten werden. Am Samstag um kurz nach zwei Uhr passiert es allerdings: Ein Anwesender klettert auf eine braune Lieferkiste, mit dem linken Fuß steigt er auf das unterste Regal der Rubrik „Hobby“. Dabei tritt er auf das Buch „Computer – der neue Computer-Grundkurs". Am Ende seiner Klettertour im Buchladen steht er neben 50 weiteren Journalisten bei jenem Mann, dessen Signierstunde unter „Literatur live“ angekündigt war: Johann Mühlegg.

Es war ein skurriler Auftritt des ehemaligen Langläufers und überführten Dopingsünders. Johann Mühlegg wollte während der Nordischen Skiweltmeisterschaft in Oberstdorf sein Buch „Allein gegen alle“ signieren. „Jetzt ist es eine Pressekonferenz geworden“, bemerkte der Buchautor. Fast nur Journalisten drängelten sich zwischen den Buchregalen, nur 20 seiner Bücher kann die Buchhandlung an jenem Nachmittag verkaufen. Obwohl Johann Mühlegg nach Ablauf seiner Dopingsperre im letzten Jahr nicht mehr in Wettkämpfen startet, interessiert sich die Öffentlichkeit immer noch für den Mann, der seine drei olympischen Goldmedaillen von Salt Lake City wegen Dopings zurückgeben musste. Das Interesse mag auch daran liegen, dass er weiterhin beharrlich seine eigene Wahrheit beschwört. In der Buchhandlung Edele spricht er diese nach 25 Minuten langem Drumherumreden aus: „Ich habe nicht gedopt, ganz klar. Ich bin ein Bauernopfer, es sollte ein Exempel statuiert werden.“

Braun gebrannt und schlank steht er da in einem blauen Pullover. „Ich komme gerade aus Südtirol“, sagt der 36-Jährige. Nein, er wolle sich weder Rennen ansehen, noch einen der Athleten treffen. „Ich fahre gleich wieder zurück.“ Es gehe ihm gut, sagt er. Auf seiner Internetseite wirbt er für „Johann Mühleggs Event-, Sportreisen- und Trainingscamp“. Er bietet Übernachtungen in seinem Landhaus in Grainau an, das er nach einem biblischen Propheten benannt hat: „Zum Jeremia“. Zuletzt lief er auch einen Volkslauf mit. Er betont, dass die Trainingskurse nur ein Hobby von ihm seien. „Ich bin sehr beschäftigt.“ Womit, sagt er nicht.

Johann Mühleggs Leben prägen einige seltsame und spektakuläre Ereignisse. Nach einer Spiritismus-Affäre, bei der er sich mit dem deutschen Skiverband überwarf, wechselte er zum spanischen Verband. In Salt Lake City weigerte er sich, Deutsch zu reden, und sprach fast nur noch Spanisch. Diese Phase scheint inzwischen wieder vorbei, seit sich Spaniens Verband nach der Dopingsperre weigerte, ihn wieder zu nominieren. Johann Mühlegg hat ein paar Sätze in die Buchhandlung Edele mitgebracht, mit denen er kritischen Fragen ausweicht. Einer lautet: „Heutzutage wird der Sportler zum Produkt gemacht, aber man darf nicht vergessen, dass der Sportler ein Mensch ist, der eine Würde besitzt.“ Doch er vergisst, dass er selbst viele Menschen verletzt hat, als seine Dopingprobe in Salt Lake City Spuren eines Blutdopingmittels aufwies.

Ob er etwas bedauere, wird Mühlegg gefragt. „Dass ich mich nach der Affäre nicht durchgesetzt habe“, erklärt er. Ob er eine Botschaft an den Schweden Per Elofsson habe, der als Favorit im 30-Kilometer-Rennen von Salt Lake City von dem gedopten Mühlegg abgehängt aufgegeben hat und sich von dieser Niederlage psychisch nie mehr erholt hat. „Das Leben geht weiter“, antwortet Mühlegg, „der Sport ist nicht alles.“ Irgendwann wird er nach Beweisen für seine Unschuld gefragt. Es ist sein schwächster Moment an diesem Nachmittag. „Ja, ähm, ich habe sehr viele Dokumente“, stottert Mühlegg, „o mei, o mei, da darf ich gar nicht dran denken.“

Dann beginnt er mit dem Versuch einer Signierstunde in der Mitte des Raumes. Ein Fotograf bittet ihn vor einem Buchregal zu posieren. Nun steht er alleine in einer Ecke, bedrängt von Journalisten, Fans und Neugierigen. Die Frage, wie es zu seinem Buchtitel „Allein gegen alle“ kam, ist überflüssig. Man sieht es. Und man sieht auch: Johann Mühlegg hat sich selber dorthin gestellt.

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