Sport : Ein bisschen augsburgiger

Jos Luhukay will Hertha BSC zurück in die Bundesliga führen – und orientiert sich an seinem alten Klub.

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Neuer Trainer, neuer Kapitän. Jos Luhukay im Gespräch mit Peter Niemeyer. Foto: dpa
Neuer Trainer, neuer Kapitän. Jos Luhukay im Gespräch mit Peter Niemeyer. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Jos Luhukay hat sein Bild von Berlin am vergangenen Wochenende grundlegend revidieren müssen. Seine Frau war aus Venlo zu Besuch gekommen, gemeinsam wollten sie sich in aller Ruhe ein bisschen in der Stadt umschauen, in der Luhukay seit ein paar Wochen arbeitet. Doch mit der Ruhe war es nicht so weit hin, wie es der Trainer von Hertha BSC erhofft hatte. Immer wieder wurde Luhukay von fremden Menschen um Autogramme und Fotos gebeten. Das hatte der Holländer so nicht erwartet. „Ich dachte, hier fällst du nicht so auf“, sagte Luhukay.

Als Trainer von Hertha BSC, dem größten Verein der Stadt, fällt man in Berlin immer auf, auch wenn die Mannschaft gerade mal wieder Zweitligist ist. Aber wenn es nach Jos Luhukay geht, soll das nicht lange so bleiben. Der 49 Jahre alte Holländer verfolgt mit dem Klub, der gestern gegen Paderborn in die neue Saison gestartet ist (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet) ein klares Ziel: Er will mit Hertha so schnell wie möglich zurück in die Bundesliga, auch wenn er weiß, dass das „ein schwieriger, steiniger Weg“ wird.

Luhukay hat den Weg schon zweimal erfolgreich hinter sich gebracht: 2008 mit Borussia Mönchengladbach, 2010 mit dem FC Augsburg. Und die Erfahrungen, die er dabei gemacht hat, sollen ihm auch für seine dritte Mission Aufstieg helfen. Man könnte sogar sagen, dass Luhukay die große Hertha ganz gezielt ein bisschen augsburgiger machen will: ein bisschen weniger großkotzig, ein bisschen realistischer und – gerade in schwierigen Zeiten – gelassener, um sich auf diese Weise „ein Stück Anerkennung und Sympathie zurückzuerarbeiten“. Bisher hat er das Gefühl, dass seine Herangehensweise auf großes Entgegenkommen stößt, sowohl bei der Vereinsführung („Ich habe eine extreme Unterstützung“) als auch bei den Fans: „Ich merke, dass die Fans froh sind, dass ich hier bin.“

Angesichts der neuen Bescheidenheit bei Hertha will Luhukay die Frage, ob sein neuer Arbeitgeber den nominell besten Kader der Liga hat, gar nicht erst beantworten. Dass das Aufgebot ein paar große Namen beherbergt – schön für den Trainer, „aber es ist nicht wichtig, ob man die beste Qualität im Kader hat; entscheidend ist, dass man das beste Team hat“. Das hat Luhukay gerade beim FC Augsburg gezeigt, der in der vergangenen Saison als Absteiger Nummer eins galt, sich am Ende aber, im Unterschied zu Hertha, in der Liga halten konnte. „Dabei war Hertha zwei, drei Klassen besser, was die Qualität angeht“, sagt Luhukay.

Wer sich ein bisschen mit der Biografie des Holländers beschäftigt, wird feststellen, dass er es bisher unter unterschiedlichen Bedingungen zumeist geschafft hat, aus dem ihm zur Verfügung stehenden Kader ein funktionierendes Team zu formen. Man wird allerdings auch feststellen, dass er dazu eine gewisse Weile gebraucht hat. Auch aus dieser Erfahrung heraus hat Luhukay zuletzt den mutigen Satz gesagt, dass es ab Oktober schwer sein werde, Hertha zu schlagen. Aber was bedeutet das im Umkehrschluss für die Zeit bis Oktober? „Man muss einer Mannschaft die Zeit geben, sich in eine neue Liga hineinzuspielen“, sagt Herthas Trainer.

Nach seinen Erfahrungen aus der Vorbereitung geht Luhukay wohl selbst nicht davon aus, dass von Anfang an alles rund läuft. „So etwas wie diesmal habe ich noch nie erlebt“, sagt er. „In der Breite sind wir noch nicht so optimal vorbereitet, wie ich es mir gewünscht hätte.“ Am Anfang stand Luhukay gerade mal etwas mehr als ein Dutzend Spieler zur Verfügung, dann kamen tröpfchenweise so viele hinzu, bis es im Trainingslager schließlich 31 waren. Einige Spieler, die erst verspätet die Vorbereitung aufgenommen haben, kommen daher von ihrer Fitness und Athletik noch nicht für einen Einsatz zum Ligastart in Frage.

Für Adrian Ramos gilt das nicht. „Er ist einsatzfähig“, sagte Luhukay am Tag vor dem Spiel gegen Paderborn. Der Kolumbianer will und soll Hertha eigentlich verlassen; doch das Interesse an dem Stürmer tendiert im Moment noch gegen null. Es ist gut möglich, dass Ramos selbst über den 31. August hinaus, wenn die Transferperiode endet, in Berlin bleibt. Luhukay, der nicht in erster Linie an Herthas Finanzen denken muss, hätte nach den Eindrücken aus der Vorbereitung bestimmt nichts dagegen. „Er war am Anfang etwas unsicher, hatte nicht viel Selbstbewusstsein“, sagt der Trainer über Ramos. „Aber man merkt, dass er von Woche zu Woche mehr Spaß hat. Er kommt wieder an sein bestes Niveau ran.“

Das soll man von seiner Mannschaft auch möglichst bald behaupten können.

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