Sport : Ein bisschen Frieden

Beim 1:0-Sieg der Dortmunder gegen den FC Bayern geht es harmonisch zu wie lange nicht mehr

Felix Meininghaus

Dortmund. Franz Beckenbauer redet viel, wenn der Tag lang ist, und des Öfteren ist auch mal etwas Fundiertes dabei. Vor dem Spiel seines FC Bayern bei Borussia Dortmund hat Beckenbauer verkündet, er könne sich „vorstellen, dass es ein ruhiges Spiel wird“. Und Beckenbauer hat Recht behalten: Schon lange hat es zwischen den beiden Großklubs des deutschen Vereinsfußballs kein Aufeinandertreffen mehr gegeben, das so emotions- und schnörkellos abgehandelt wurde wie das gestrige 1:0 der Dortmunder gegen die Bayern.

Inzwischen geht man schon fast automatisch davon aus, dass ein Spiel zwischen beiden Mannschaften nie und nimmer mit allen 22 Spielern beendet wird; gestern aber plätscherte die Begegnung über weite Strecken vor sich hin. Schon in den Tagen zuvor hatten sich die Manager Uli Hoeneß und Michael Meier entschieden, sämtliche rhetorischen Angriffe auf den Gegner zu unterlassen, und der neue Schmusekurs wurde auf dem Rasen nahtlos fortgesetzt. Bis zur 58. Minute dauerte es, bis Schiedsrichter Markus Merk dem Dortmunder Christian Wörns die erste Gelbe Karte zeigen musste.

Dass das Spiel im ausverkauften Westfalenstadion nicht auch noch mit einem friedlichen 0:0 endete, lag daran, dass der kurz zuvor eingewechselte Marcio Amoroso nach einer Stunde Spielzeit mit seinem ersten Ballkontakt einen Handelfmeter verwandelte, den der Münchner Niko Kovac nach einer Ecke von Tomas Rosicky verursacht hatte.

Über die spielentscheidende Szene wurde nach dem Spiel ausgiebig diskutiert. Der Verursacher sah sich benachteiligt, weil er von seinem Gegenspieler Sebastian Kehl regelwidrig gestoßen worden sei. „Das war ein klares Foul“, sagte Kovac, „ich werde angerempelt, was soll ich da machen?“ Eine rhetorische Frage, denn außer dem Kroaten sah kaum ein Beobachter eine Regelwidrigkeit. BVB-Trainer Matthias Sammer sagte: „Markus Merk hat richtig entschieden, ganz klar.“ Und selbst Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld mochte nicht widersprechen.

Sonst tat sich recht wenig im Westfalenstadion, Chancen und packende Torraumszenen blieben über 90 Minuten eher Ausnahmeerscheinungen. Das Spiel war dadurch zwar alles andere als attraktiv, doch zumindest die Abwehrreihen verdienten sich ein Lob: So sah DFB-Teamchef Rudi Völler „zwei Mannschaften, die kompakt hinten drin stehen“. BVB-Kapitän Stefan Reuter lobte, „wie gut wir organisiert waren“, und Sammer hob hervor, „wie wichtig es ist, mal wieder die Null gehalten zu haben“.

Für Freunde des ästhetischen Spiels aber war das nun wirklich nichts, doch in Zeiten, da der Meister Dortmund den Titel längst verspielt hat und stattdessen verzweifelt bemüht ist, sich das erneute Startrecht für die Champions League zu sichern, heiligt der Zweck die Mittel. „Wir haben heute gefightet, aber noch lange nicht gut gespielt“, sagte Sammer, der seinen ersten Sieg als Trainer gegen seinen einstigen Lehrmeister Hitzfeld feiern konnte. Ein Umstand, der ihn nicht in Jubelstimmung versetzte: „Es läuft sehr, sehr zäh im Moment.“

Und die Bayern wird die zweite Niederlage in Folge kaum umwerfen. Sie nahmen die erste Bundesligaschlappe gegen den BVB seit dem 1. Oktober 1995 mit fast schon provozierender Lässigkeit in Kauf. Wann hat man es schon mal erlebt, dass Oliver Kahn nach einem verlorenen Spiel nicht vor Wut schäumt, sondern sich stattdessen mit Gegenspielern zum entspannten Small Talk trifft? Am Ende hat der Torhüter mit dem Mann das Trikot getauscht, der ihm den entscheidenden Ball ins Netz geschossen hatte. Für die Bayern bedeutete das 0:1 in Dortmund auf dem Weg zum Titel allenfalls eine nicht groß erwähnenswerte Verzögerung. Mehr nicht.

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