Sport : Ein bisschen Peking

Timo Boll gewinnt in China schon einmal für 2008

Friedhard Teuffel

Berlin - Auch Siege beim Tischtennis können nach Schwierigkeitsgraden beurteilt werden. Gegen einen Chinesen zu gewinnen, ist schwer. Gegen den besten Chinesen noch schwerer. Und gegen den besten Chinesen in China wohl am schwersten. Timo Boll hat also am Sonntag die Höchstschwierigkeit im Tischtennis bewältigt. Im Finale der China Open in Guangzhou bezwang er den Weltranglistenersten Wang Liqin, es ist einer der bedeutendsten Erfolge seiner Karriere.

Bolls Sieg war außerdem Bestandteil eines groß angelegten Vorbereitungsprogramms. Vielleicht erlebt die Sportart in zwei Jahren ihren absoluten Höhepunkt, wenn die Olympischen Spiele in China stattfinden, wo Tischtennis Nationalsport ist. Einzel-Weltmeister Wang Liqin wird auch dann sicher noch eine Führungsrolle ausfüllen, gut möglich, dass er in Peking der Favorit auf Olympiagold ist. Aber vielleicht verliert er bis dahin die Spitzenposition in der Weltrangliste. Timo Boll ist ihm schließlich bedrohlich nahe gekommen und könnte bei den am Donnerstag in Yokohama beginnenden Japan Open weitere Punkte sammeln. Schon einmal war Boll Weltranglistenerster, 2003 war das. Vor ihm hatte das kein deutscher Tischtennisspieler geschafft.

Es sieht ganz danach aus, als habe Boll gerade in diesem Jahr den entscheidenden Schritt zur Weiterentwicklung seines Spiels, aber auch seiner Persönlichkeit gemacht. Im Sommer hielt er sich mehrere Wochen in China auf und spielte dort in der chinesischen Liga mit. Es wurde eine Erfahrung der ganz neuen Art. Bisher war dem 25 Jahre alten Hessen immer alles so organisiert worden, dass er sich bloß nicht auf irgendetwas einstellen musste. Kam er in die Halle, waren Trainingspartner und -pläne schon da. Es war eine Sportkarriere in Watte.

Jetzt war es Boll, der sich auf alle anderen und alles andere einstellen musste. Auf einen autoritären Trainer etwa, der ihm in der Satzpause trotz drückender Hitze in der Halle erst dann etwas Wasser geben wollte, wenn er ihm zugehört hatte. Oder auf das Essen, zumal sich Boll vorgenommen hatte, nicht ein einziges Mal ein westliches Fast-Food-Restaurant zu besuchen. Boll hielt es durch, und als die Chinesen ihm zwischendurch etwas besonders Gutes tun wollten, servierten sie ihm geröstete Ameisen. Fünf Kilo verlor Boll so.

Auch als Boll mit seiner Mannschaft im schaukelnden Nachtzug durch China fuhr, mag er sich wie ein Abenteuerreisender vorgekommen sein. Selbst wenn er das Ziel nicht erreicht hat, seine chinesischen Sprachkenntnisse zu erweitern, so hat ihn die Zeit doch wohl abgehärtet wie noch kein Lebensabschnitt zuvor. Das kommt ihm jetzt offensichtlich auch sportlich zugute. Bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft Ende April in Bremen hatte Boll noch knapp gegen Wang Liqin verloren, diesmal ging er als Sieger vom Tisch. Es war eine gelungene Probe für die Generalprobe. Denn in Guangzhou findet 2008 die Mannschafts-Weltmeisterschaft statt, es ist der letzte Test vor den Olympischen Spielen in Peking.

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