Sport : Ein bißchen Showtime, mitten in Moabit

MICHAEL ROSENTRITT

Der Boxer Michael Nunn brilliert im verbalen Vorgeplänkel des WM-Kampfes gegen "Rocky"VON MICHAEL ROSENTRITT BERLIN."Es ist verdammt kalt", mault Michael Nunn, als er zusammen mit seinem vielköpfigen Clan in einem Gym in der Berliner Beusselstraße Einzug hält."Und warum gibt es hier eigentlich keine Musik", fragt der 34 Jahre alte Mann, der jetzt in Davenport/Ohio lebt und ganz andere Temperaturen gewöhnt ist.Am Sonnabend wird der gebürtige Kalifornier in der Schmeling-Halle gegen Graciano Rocchigiani um den vakanten WM-Titel der WBC im Halbschwergewicht boxen. Nunn, ein ansehnlicher Bursche von durchtrainierter Statur, bevorzugt die große Show mit Mätzchen und Gebrüll.Mittlerweile hat auch jemand von seinen Leuten einen Ghettoblaster gefunden und auf volle Lautstärke gedreht."Bitte", ruft Nunns kugelrunder Berater William Caplan in die Runde, "Sie können jetzt Ihre Fragen stellen." Pressetraining auf amerikanisch, mitten in Moabit. Ein wenig erinnert Nunn in seinem Habitus an Muhammad Ali.Mit flinkem Mundwerk, blitzartig geschlagenen Jabs und physischem Firlefanz will er den Fragestellern eine tolle Show bieten.Nicht, daß der Ex-Weltmeister darauf angewiesen wäre, doch es steht ihm.Ohnehin legt der geschmeidig wirkende Boxer mit den schnellen Beinen besonderen Wert auf die Ästhetik.Zur Vorbereitung auf den Kampf gegen Rocchigiani besuchte er in Los Angeles einen Aerobic-Kurs zusammen mit Basketballstar Michael Jordan bei Tanzqueen Paula Abdul.Wobei einer seiner gestrigen Claqueure, Hobby-Schwergewichtler Jeremy Williams, wissen will: "Im Ring sieht Michael zwar aus wie Ali, aber bei der Aerobic macht er keine besonders gute Figur." Das freilich stört den Hauptdarsteller nicht im geringsten.Nunn beliebt es sogar zu scherzen: "Sagen Sie Rocky, daß ich einen ganz leichten Jab schlage, langsam und unpräzise.Sehen Sie, so." In der folgenden Szene will er sogar seinen Gegner kopieren, wie er langsam, ohne Überblick und im Oberkörper erstarrt durch den Ring tapst.Nunn mag diese kleinen Sticheleien.Er kann sie sich erlauben.Schließlich weist der Familienvater eine recht beachtliche Bilanz vor: 55 Kämpfe, 52 Siege (34 durch K.o.), drei Niederlagen.Elf seiner bisher 14 WM-Kämpfe konnte er siegreich gestalten. An diesem Tag, wie an den folgenden bis hin zum Sonnabend, werde er auf ein Sparring verzichten, wie sein Trainer Dan Goossen sagt."Ich will hauptsächlich relaxen, einkaufen gehen und mir die Straßen hier anschauen.Die Hauptarbeit ist getan", erzählt Nunn.Vorbereitet hat sich der frühere Mittelgewichts- (1988 - 91) und Supermittelgewichts-Champion (1992 - 94) im Gym der Goossen-Brüder in Los Angeles.Mit seinem Trainer arbeitet er bereits seit 1984 zusammen, als er in der Olympia-Ausscheidung für die Spiele in Los Angeles gegen Virgil Hill, den späteren Maske-Bezwinger, unterlag.Damals war Nunn knapp 21, aufgewachsen mit vier Geschwistern und ohne Vater.Doch dieses schmerzliche Ende als Amateur war praktisch der Startschuß in eine glanzvolle Profikarriere.Und das Klappern hat, so Goossens, von Beginn an dazugehört."Der Kampf geht nicht über zwölf Runden - Graciano ist vorher erledigt.Ich bin der beste Rechtsausleger der Welt und in Superkondition.Graciano kommt zum kämpfen, nicht zum gewinnen", sagt Nunn.Auf sein Alter angesprochen, kontert er: "Das Alter besagt nicht viel.Aber wenn Ihr meint: Ich fühle mich wie 21."

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