• Ein bisschen Stil muss sein - Blitzsaubere Fußballschuhe bleiben dem Ex-Bayernstar in New York vom Münchener Glanz

Sport : Ein bisschen Stil muss sein - Blitzsaubere Fußballschuhe bleiben dem Ex-Bayernstar in New York vom Münchener Glanz

Hartmut Scherzer

Etwas vom zurückgelassenen Glanz der Bayern hat sich Lothar Matthäus im kargen Ambiente Newarks bewahrt: Die Fußballschuhe sind für jedes Training frisch gewienert. Das ist kein Privileg des Weltstars in einem Klub, der das Schuheputzen dem Sauberkeitssinn seiner Spieler und nicht der Fürsorge eines Angestellten überlässt. Also wird mit dem Dreck der letzten Tage an den Stiefeln gekickt. Missbilligend deutet Lothar Matthäus beim gemeinsamen Gang zum Trainingsplatz auf die Dreckschlappen von Tom Dooley. Ein bisschen Stil müsse schon sein. Zwar ist Lothar froh, "dass ich diese Schlichtheit hier noch einmal erleben darf nach all der Verwöhnung". Back to the roots. Zurück zu den Wurzeln. Aber gleich zum Schuhputzer lässt sich der gelernte Raumaustatter denn doch nicht herab. Für 50 Dollar im Monat hat Matthäus einen Mexikaner angeheuert, der das Schuhwerk jeden Tag auf Hochglanz bringt.

Dabei hat der holprige Bolzplatz der Kean University solchen Glanz an Lothars Füssen kaum verdient. "Den sehr schlechten Trainingsplatz muss ich bemängeln, als einziges", kritisiert der Neu-New Yorker. Der East Campus ist eben nicht die Säbener Straße. Trotzdem: Mit einem aufmunternden "come on guys" stürzt sich Lothar Matthäus in die Trainingsarbeit - eine Aufmunterung, der mehr ihm selber als den "guys" gilt. Es ist der Morgen nach seinem 39. Geburtstag und grauer, kalter Alltag bei den MetroStars knapp zwei Wochen nach all dem Ankunftstrubel des neuen Superstars.

Die Kapitänsbinde hat der Weltrekordler dankend abgelehnt, um der Mannschaft ein Zeichen zu geben: "Es darf sich nicht alles nur um mich drehen." Wie soll das gehen? Am Sonntag ist Saisonstart des schlechtesten Teams der letzten Serie und Premiere des deutschen Weltmeisters in Fort Lauderdale gegen Miami Fusion. Über 30 Grad werden in Südflorida gemessen, während in Newark ein grimmiger Wind über den Campus bläst. "Das Klima wird das Problem sein", fürchtet Tom Dooly, der sich mit seinen 38 Jahren "wesentlich jünger als Lothar" fühlt. Kleine Retourkutsche für die Schuhnummer. Cheftrainer Octavio Zambrano, ein Ekuadorianer, trägt Handschuhe und hat die Kapuze über den Kopf gestülpt. Sein Konditionstrainer Carlos Osorio, ein Kolumbianer, trotzt in kurzen Hosen der Kälte und wärmt die Spieler eine dreiviertel Stunde lang auf.

Lothar hat "no problem with the training", wie er zwei US-Zeitungsreportern versichert. Es unterscheide sich kaum von dem der Bayern. "Other exercises. But the system is the same." Es ist erstaunlich, wie gut der Franke schon Englisch spricht. Er redet eben ungehemmt drauflos - und damit hatte er ja noch nie Schwierigkeiten. Jeder versteht ihn. Auch Mike Petke. Dem 24-jährigen Collegeboy erklärt Matthäus bei jeder Verschnaufspause gestenreich, wie er zu spielen habe. "Mike ist mein Thomas Linke. Wir stehen zusammen in der Innenverteidigung. Er muss hinten zumachen, wenn ich nach vorne gehe." Petke ist glücklich über die Ratschläge und klopft Lothar dankend auf die Schulter. "Vor einem Jahr hätte ich mir ein Autogramm von ihm geholt. Jetzt spiele ich Seite an Seite mit dem erfolgreichsten Spieler in der Geschichte des Soccer. Phantastic."

Lothar Matthäus hat sich in New York erstaunlich schnell eingelebt. "Die erste Woche hat mir super gefallen." Was ihn bisher bedrückte, waren allein die "fehlenden eigenen vier Wände". Nun sind die Möbel aus München endlich da, und wenn er nächste Woche vom Länderspiel, seinem 145., aus Zagreb nach New York zurückkehrt, kann er mit Maren aus dem Hotel des Trump Tower ein paar Etagen höher ins eigene Apartment umziehen. Auch in der 5th Avenue gilt für ihn: My home is my castle. "Ich bin nun einmal Familienmensch." Aber auch Großstadtmensch. Jedenfalls findet sich Lothar Matthäus im Verkehrsgewirr zwischen den Wolkenkratzern mit dem Auto schon gut zurecht. "Das Straßennetz in Manhattan ist ja so einfach: Da rauf, dort runter."

Mittlerweile steuert Lothar auch zielsicher und ganz allein seinen silbergrauen Mercedes-Jeep durch die Tunnel unter den Hudson River und über die Brücken der Newark Bay auf den Campus. "Anfangs habe ich mich verfahren. Man muss sich genau auf die Schilder konzentrieren." Jetzt schafft er die Strecke zum Training in 35 Minuten. Sein erstes Erfolgserlebnis in New York. Das zweite soll am Sonntag in Fort Lauderdale folgen. "I will give my best", diktiert Lothar Matthäus den amerikanischen Reportern. Und er macht Hoffnung: Nach vier, fünf Spielen könne er auch "answer, if the MetroStars can win the American Championship."

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