Sport : Ein Blitz wird Mensch

Usain Bolt siegt, aber in fast schon natürlich wirkenden 9,77 Sekunden.

Reinhard Sogl[Moskau]
Ende eines Arbeitstags. Usain Bolt schien der Sieg diesmal mehr Mühe zu bereiten als sonst. Links neben ihm der Viertplatzierte Kemar Bailey-Cole, rechts der Zweitplatzierte Justin Gatlin. Foto: dpa
Ende eines Arbeitstags. Usain Bolt schien der Sieg diesmal mehr Mühe zu bereiten als sonst. Links neben ihm der Viertplatzierte...Foto: dpa

In den vergangenen Tagen hatte sich Usain Bolt rar gemacht und auch in Vorlauf und Halbfinale über die 100 Meter dieser von Dopingfällen im Vorfeld belasteten Weltmeisterschaft auf Sparmodus geschaltet. Ein Zupfen an seinem Tiger-Trikot, eine kurze salutierende Geste – zu viel mehr Mätzchen ließ sich der Show-Man der Leichtathletik nicht hinreißen, ehe er locker die Pflicht für den Einzug in den Endlauf erfüllte. Doch als Blitze zuckten und der Himmel über Moskau just seine Schleusen öffnete, als die acht Finalisten den Start erwarteten, spielte Bolt doch wieder den Entertainer. Pantomimisch spannte er einen Schirm auf. Die eigentliche Vorstellung war dann beinahe Routine. 9,77 Sekunden, eine im Vergleich zu seinen früheren Rennen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften beinahe schon menschliche Zeit.

Im Regen von Moskau hat sich Bolt jedenfalls den Weltmeistertitel auf der Sprintstrecke zurückgeholt. Vor zwei Jahren hatte sich der Weltrekordhaltler aus Jamaika im WM-Finale selbst geschlagen, als er nach einem Fehlstart disqualifiziert wurde. „Für mich war das heute der pure Spaß und nicht die Revanche für Daegu. Ich bin nur hierhergekommen, um den Titel zu gewinnen“, sagte Bolt nach einer vergleichsweise verhalten absolvierten Ehrenrunde. Er klatschte dabei ins Publikum und zeigte unter dem Beifall der Zuschauer im nicht vollbesetzten Stadion auch seine berühmte Bogenschützenpose.

„Ich wollte eine bessere Zeit laufen, aber das Wetter hat es verhindert. Das Rennen war nicht perfekt und auch der Start nicht“, entschuldigte er die für seine Verhältnisse mittelprächtige Zeit. Schneller war Bolt, der in den letzten Wochen durch die Doping-Debatten angespannt wirkt, in diesem Jahr aber noch nicht gelaufen.

In Abwesenheit des verletzten Titelverteidigers Yohan Blake sowie des positiv getesteten US-Amerikaners Tyson Gay hatte Justin Gatlin für sich die Rolle des Herausforderers reklamiert und getönt: „Ich gewinne Gold.“ Bis zur Hälfte des Finales, dessen knisternde Atmosphäre diesmal dem Gewitter geschuldet war und nicht den Akteuren, durfte Gatlin auf eine Überraschung hoffen. Dann musste der US-Amerikaner, der wegen Dopings zwischenzeitlich vier Jahre aus dem Verkehr gezogen worden war, Bolt ziehen lassen. In 9,85 Sekunden wurde Gatlin Zweiter. „Es war von mir kein perfektes Rennen, ich wollte zu viel und konnte die letzten 30 Meter nicht gut gestalten“, sagte Gatlin. Er dürfte wohl wissen, dass Bolt als schlechter Starter gilt, dafür als der Läufer, der zwischen 60 und 80 Metern der Distanz seine Stärken ausspielt, seinen fließenden Schritt mit geringer Bremswirkung, weil er die Beine eher unterhalb als vor dem Körper aufsetzt. Bronze gewann der Jamaikaner Nesta Carter (9,95).

Usain Bolt, der mit dem wiederholten Triple bei Olympia vor einem Jahr zur lebenden Legende geworden war, hat damit Teil eins seiner Moskauer Mission erfüllt. „Ich arbeite weiter an meinem Ziel, eine Legende zu werden, indem ich Goldmedaillen und Athlet-des-Jahres-Titel sammele. Die 200 Meter und die Staffel kommen jetzt noch.“ Sollte der 26-Jährige erneut alle Titel gewinnen, hätte er in der Summe deren acht und würde Carl Lewis als erfolgreichsten WM-Teilnehmer der Geschichte ablösen.

Die zwei deutschen Sprinter hatten die Hoffnung auf einen Platz im Halbfinale schon am Samstag aufgeben müssen. Martin Keller lief eine Woche nach seinen 10,07 Sekunden von Weinheim im Vorlauf nur 10,32 Sekunden und schied als Fünfter ebenso aus wie Julian Reus. Der Erfurter, in Weinheim auf 10,08 Sekunden verbessert, brauchte 10,27 Sekunden.

Sie konnten im Finale sehen, dass auch Bolts Sprint diesmal nach harter Arbeit aussah: „Ich nehme die Dinge nie leicht“, sagte er am Sonntag dazu. „Ich arbeite immer hart. Deshalb bin ich ein Champion.“

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