Sport : Ein Buchtipp für den Teamchef

Christopher Young

Wie es ausgeht, war den beiden schon vor dem 1:5 in München anzusehen: Rudi Völler wirkte angespannt und ängstlich, Sven Eriksson ausgeglichen und ruhig, wie ein Mann, der alles Nötige getan hat. Jetzt die gute Nachricht für Deutschland. Teamchef Völler kann bei Englands Trainer Eriksson nachlesen, wie man es macht. Sein Buch über Fußballpsychologie liegt vor: "Sven-Göran Eriksson on Football".

Wie bereitet man sich auf entscheidende Spiele wie jetzt gegen die Ukraine vor? Die Probleme fangen schon mit der Wortwahl an. Wie nennt man diese Spiele richtig? Relegationsspiele? Ausscheidungsspiele? K.-o.-Spiele gar? Alle Varianten tauchen in der deutschen Presse auf. Für die Chancen der deutschen Mannschaft ist die Semantik wichtig. Denn die Einstellung zum Risiko spielt nach Eriksson bei jeder sportlichen Leistung eine entscheidene Rolle. Um gute Aussichten auf einen Sieg zu haben, müssen Sportler paradoxerweise die Möglichkeit einer Niederlage in Kauf nehmen: Bemerkenswert ist, dass England unter der Regie von Eriksson oft zurücklag und gewann. Zur Not muss nur ein Spieler die Nerven behalten, siehe Beckham und sein Freistoß in der Nachspielzeit gegen Griechenland. Das Gegenbeispiel ist Oliver Bierhoff mit seinen vielen vergebenen Chancen. Im Idealfall sollte der Trainer drei Spieler haben, auf die er sich in schweren Stunden verlassen kann. Erikssons Dreieinigkeit: Beckham, Gerrard, Owen. Und Völler? Außer Kahn taugt keiner zum Katalysator.

Die Solidarität

Aber Kahn ist auch Teil des Problems. Nach Eriksson wird der negative Druck, der die Leistung einer Mannschaft zerstören kann, durch die Solidarität der Spieler reduziert. Ein paar Tage vor dem letzten Qualifikationsspiel gegen Griechenland hatte die Boulevardpresse den jungen Gerrard in einem Nachtlokal erwischt, einen bunten Cocktail in der Hand. Am nächsten Morgen ist Kapitän Beckham vor die Journalisten getreten, um seinen Kollegen im Namen des ganzen Teams zu verteidigen: "Diese Mannschaft steht zusammen." Kaum Worte, die man aus dem Munde des deutschen Torwarts gehört hätte nach dem 0:0 gegen Finnland. "Es kann nicht wahr sein, dass ich der einzige war, der nach so einer verpatzten Chance tobte", motzte der Torwart laut und öffentlich.

Gegen zu viel Druck von außen muss der Teamchef seine Mannschaft schützen. Als Geste der nationalen Solidarität fliegen jetzt viele Bundesliga-Chefs zum Hinspiel nach Kiew. Eine nette Geste, doch die Rhetorik ist fatal. "Wenn wir die WM-Teilnahme verpassen", sagt Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, auf deren Initiative die Kaffeefahrt in die Ukraine zurückgeht und dessen Nicht-Beherrschung des deutschen Konjunktivs vielsagend ist, "würde der deutsche Fußball riesigen Schaden nehmen". Noch Schlimmeres hat der Boss des deutschen Fußballs, Gerhard Mayer-Vorfelder, vor, der der Mannschaft persönlich klar machen will, dass "es um die Reputation des ganzen deutschen Fußballs geht", dass "die gesamte Bundesrepublik genau hinschauen wird" und dass er "Leidenschaft und Einsatzwillen" von den Spielern fordert. Völler hätte gut daran getan, die Pauschalreisenden zu Hause zu lassen.

Das Positive

Überdenken könnte Völler auch seine Einstellung zum Mentaltraining. "Mentale Stärke ist wichtig" hat er neulich im Interview zugegeben. "Aber man darf es doch auch nicht übertreiben." Und noch expliziter: "Da lache ich mich schon tot. Siegermentalität. Wenn ich das schon höre, dieses Modewort." Die Prämisse von Erikssons Erfolg - in England sowie vorher auch bei Klubs in Schweden und Italien - aber beruht nun einmal auf der Kraft des positiven Denkens. Schwierige Gegner werden über Monate hindurch pychologisch geschrumpft. Man darf sich ernsthaft fragen, ob die Tore von Owen und Heskey für Liverpool gegen die Bayern im Supercup-Finale eine Woche zuvor den Torwart Kahn im Länderspiel noch beschäftigten. Lesen die deutschen Spieler zu viel Zeitung, laufen sie heute auch Gefahr, aus Angst vor Milans Starstürmer Andrej Schewtschenko zu erstarren. Egal, ob der nun mit oder ohne Maske auf der gebrochenen Nase spielt.

Erikssons bester Tipp: Eine Mannschaft muss immer zwei Ziele haben. Ein einziges, zu niedrig gesetztes Ziel kann sie daran hindern, ihr Potenzial zu entfalten. Das eine Ziel soll ein realistisches sein, das andere ein alle Erwartungen übertreffendes. Das zweite Ziel zieht die Mannschaft nach oben und garantiert, dass zumindest das erste erreicht wird. Realistisch kann Eriksson nur auf den zweiten Platz und die Play-offs gehofft haben. Vor Augen hatte er aber die unwahrscheinliche Möglichkeit von sechs Siegen in sechs verbleibenden Qualifikationsspielen. Die Konsequenzen haben die Deutschen zu spüren bekommen.

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