Sport : Ein deutscher Brite

Der Ruderer Thorsten Engelmann kämpft heute auf der Themse für Cambridge

Markus Hesselmann[London]

Im feinen englischen Klub ist die Stimmung auf einmal wie beim Boxkampf in Las Vegas. Thorsten Engelmann stellt sich auf die Waage. „Er ist ein Riesenkerl“, sagt der Moderator. „Aus Berlin, Deutschland.“ Klatschen und Gejohle: Engelmann ist mit zwei Metern nicht nur ziemlich groß. Er ist der schwerste Athlet, der je am Ruderrennen zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge teilgenommen hat. Und das wird am heutigen Sonnabend immerhin schon zum 153. Mal ausgetragen. Engelmann nimmt die muskulösen Arme hoch, winkelt sie an, ballt die Fäuste und zeigt Bizeps. Noch mehr Gejohle, noch mehr Applaus im Hurlingham-Sportklub an der Themse im Londoner Stadtteil Fulham.

Der Berliner Thorsten Engelmann, 25 Jahre alt, ist das Gesicht, oder besser, der Typ dieses Rennens. Der Sponsor des Ruderrennens lässt sich mit ihm vor dem raspelkurzen Krocketrasen hinter dem Klubhaus fotografieren. „Schau herab zu mir“, sagt der kleine Mann zum großen Athleten. Der Größenunterschied ist ein guter Werbegag. Schaut her, solche starken Männer unterstützen mein Unternehmen. Thorsten Engelmann kennt sich aus mit dem Business. Er studiert Wirtschaft in Cambridge und hofft, mit seinem Team die Konkurrenz aus Oxford diesmal schlagen zu können. Das große Geld macht er mit seinem kraftraubenden Sport nicht. „Wir sind noch echte Amateure“, sagt Engelmann. Im vergangenen Jahr hat er mit dem Cambridge-Achter verloren. Insgesamt steht es 78:73 für Cambridge – bei einem Unentschieden.

Im Wasser geht es dann mitunter rustikal zu. „Es gibt da schon den einen oder anderen Clash“, sagt Thorsten Engelmann. Auf der Themse können die Ruder schon einmal ineinanderknallen, jedes Boot will auf dem kurvigen Kurs möglichst Ideallinie fahren.

Beim Wiegen liegt Engelmanns Mannschaft schon einmal vorn. Die acht Ruderer aus Oxford bringen insgesamt 751 Kilogramm auf die Waage, Cambridge 786. Engelmann trägt exakt 110,8 Kilo dazu bei. Damit die alte Rekordmarke von 110,2 fallen konnte, hat er noch einmal ordentlich Getränke gefasst. Jetzt rennt er dauernd aufs Klo. Wenn überhaupt, hat das Wiegen einen mentalen Effekt. „Man zeigt, dass man kräftiger ist“, sagt Engelmann.

Er versucht, Sport und Studium zu vereinen. An sechs Tagen in der Woche trainiert er bis zu vier Stunden. Morgens um halb sechs steht er auf und trainiert. Zwischen neun und ein Uhr besucht Engelmann Seminare und lernt. Nachmittags ist wieder Training. Nicht alle Professoren sehen dieses Pensum mit Wohlwollen. „Wenn wir gewinnen, feiern alle mit“, sagt Thorsten Engelmann. Doch sonst sei das viele Training eher ein Handicap für das akademische Fortkommen. Engelmann ging in Berlin-Tegel auf die Humboldt-Schule und studierte dann in Dortmund. Seine Einser-Noten erlaubten ihm einen Wechsel an die britische Elite-Universität.

Mit seinem Kommilitonen und Mannschaftskameraden Sebastian Schulte hat Thorsten Engelmann im vergangenen Jahr im Deutschland-Achter den WM-Titel geholt. Echte Weltmeister hat jede Crew gern mit im Boot. Doch es gibt inzwischen auch Kritik daran, dass immer weniger Briten beim britischsten aller Ruderrennen dabei sind. „Brits lose out in Boat Race“, titelte das Massenblatt „Daily Mail“, Briten werden beim Ruderrennen verdrängt. Nur noch vier Einheimische rudern mit, drei für Cambridge, einer für Oxford. Engelmann sagt, das liege auch am Unwillen der britischen Nationaltrainer, ihre Athleten freizustellen. Als Deutscher habe er zurzeit solche Probleme nicht. In der Olympiasaison setzen die Spitzenathleten allerdings aus. Engelmann trainiert bald intensiv in Dortmund mit dem Deutschland-Achter für die Spiele in Peking 2008. Danach kehrt er zum Studium nach Cambridge zurück.

Das Rennen profitiert aber auch von der internationalen Besetzung. Aus sechs Ländern kommen diesmal die 16 Athleten. Rund 100 Millionen Zuschauer schauen weltweit an den Bildschirmen zu. Erstmals überträgt der amerikanische Sportsender ESPN. Fünf Amerikaner legen sich für die britischen Universitäten in die Riemen. Erstmals ist auch ein Pole dabei. Michal Plotkowiak repräsentiert die polnische Gemeinde in Großbritannien. Prompt kam zum Wiege-Spektakel auch das polnische Fernsehen.

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