Ein Deutscher jubelt für Polen : Ein 0:0 für das innere Nationalgefühl

Kann man im Fußball für zwei Mannschaften sein? Unser deutsch-polnischer Autor berichtet, wie er das Spiel gegen die zweite Heimat erlebt hat. Und warum Fußball nicht immer Integration bedeutet.

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Fußballfans aus Deutschland und Polen posieren beim Public Viewing am Grenzübergang Stadtbrücke in Frankfurt/Oder.
Fußballfans aus Deutschland und Polen posieren beim Public Viewing am Grenzübergang Stadtbrücke in Frankfurt/Oder.Foto: dpa

Als einer von ganz wenigen Menschen in Deutschland bin ich mit dem 0:0 sehr zufrieden. Das Ergebnis entspricht heute früh genau meiner inneren Gemütslage, ich bin ja halber Pole. Gestern aber habe ich voll und ganz mitgefiebert und gebibbert bis zur letzten Minute, mit den Polen natürlich.

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, von klein auf bin ich bei jedem Spiel für die Deutschen, außer: gegen Polen. Ich habe ein Herz für Underdogs und die Biało-Czerwoni haben die Tore meist nötiger.

Vor allem aber bin ich altes Halbblut es meinem Migrationshintergrund schuldig a.k.a. meiner Mutter. Ich bibbere für sie mit. Weil ich weiß, dass sie sich Polen-Spiele nicht mehr ansehen kann, aus nervlichen Gründen. Vor allem gegen Deutschland. "Die Deutschen haben immer Glück", sagt sie immer und verdreht die Augen, wie nur sie es vermag. Bei Spielen verlässt sie den Raum, tigert im Flur herum, steckt irgendwann den Kopf ins Fernsehzimmer, fragt wie es steht und sagt laut: „Oh je.“ Und geht wieder auf und ab.

Akzeptanz ist beidseitig schwer

Vielleicht ist auch ein bisschen Überkompensation dabei. Ich hatte als Kleinkind auch einen polnischen Pass, meine Mutter sprach Polnisch mit mir, aber hörte irgendwann auf, weil es zu hart wurde, ohne polnische Schule und polnische Freunde in der Nähe. Es waren die Achtziger auf dem Dorf, als die Leute dich noch schief anguckten, wenn du Türkisch oder Polnisch mit deinem Kind gesprochen hast, während sie bei Englisch oder Französisch "Ach wie kosmopolit" gejauchzt hätten. Ich spreche also kaum Polnisch, ich habe es später versucht, es war zu schwer.

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Zehntausende verfolgen Nullnummer gegen Polen in Berlin
Zehntausende verfolgen Nullnummer gegen Polen in Berlin

Meine deutschen Freunde meinen schonmal: Jetzt übertreib mal nicht, so viel Pole biste nicht. Aber wer legt das fest, ab wann man sich zu wieviel Prozent als was fühlen darf? Ich würde sagen: Wenn man sich persönlich beleidigt fühlt, jedes Mal wenn man „Polacke“ hört, ab dann ist man zumindest ein bisschen Pole. Wenn ich Polen treffe, sage ich deshalb meist: „Hey, ich bin auch einer!“ „Sprichst du auch Polnisch?“ „Nje.“ „Dann nicht.“ Akzeptanz ist beidseitig schwer. Aber ich habe schon ein paar polnische Eigenschaften vererbt bekommen. Ich habe ein diebisches Vergnügen daran, Vorschriften zu missachten, trinke gerne Wódka pur und wenn Polen 1:0 in Führung geht, schwillt die Brust, ab einem 0:1 dagegen ist Polen schon verloren. Fatalismus ist auch eine Art Patriotismus.

Insofern war es gestern erstmal wichtig, kein frühes 0:1 zu kassieren. Das muss jeder wissen, der den Polen vorwirft, sie hätten nur verteidigt. Außerdem: Wisst ihr eigentlich ist, wie scheiße es ist, gegen Deutschland zu spielen statt mit? Das fällt als Zuschauer erst auf, wenn man plötzlich gegen die Weiß-Schwarzen ist: Boah, dieser blöde Müller ist echt schwer vom Ball zu trennen, dieser dämliche Hummels klärt auch alles weg. Wobei das eigene Gehirn oft überlistet wird: Wenn Deutschland das Tor verfehlte (also, sie haben es ja schon ein paar Mal versucht), dann habe ich kurz geärgert. Schade, kein Tor. Ach nee, ich bin ja heute für die anderen.

Insofern war das 0:0 ein gutes Ergebnis, im Nachhinein betrachtet, für mich, für die Turnier-Chancen beider Mannschaften und für die Nerven meiner Mutter. Und ab heute bin ich auch wieder Deutscher. Ich habe nachgeschaut, ich habe nichts Nordirisches in meiner Familie, ich kann wieder loyal sein.

Mesut Özil bleibt Deutsch-Türke statt Türk-Deutscher

Das kann man jetzt sehr inkonsequent finden, für zwei Mannschaften zu sein. Aber Leute, das ist die Realität! Fußballer müssen sich für ein Land entscheiden, Menschen nicht. Lukas Podolski bleibt auch immer ein Deusch-Pole und Mesut Özil ein Deutsch-Türke, wenn sie das wollen, auch weil die Deutschen sie nie Pol-Deutscher und Türk-Deutscher nennen, als wollten sie sagen: Im Wortstamm bleibst du Ausländer. Anders als Russland-Deutsche übrigens. Deswegen finde ich auch nicht, dass „La Mannschaft“ so eine wahnsinnig tolle Integrationsmaschine ist, die uns alle eint, wie oft behauptet wird. Ist der neue Schland-Patriotismus wirklich so unverkrampft, wenn die Leute über den Namen Shkodran Mustafi lachen oder finden, dass Mesüt Özil doch mal langsam die Hymne mitsingen könnte? Was sie früher von, sagen wir, Olaf Marschall oder Marco Bode nie erwartet hätten. Dann entzweit der Fußball eher. Als 2006 die Welt zu Gast bei Freunden war, bin ich im Polen-Trikot zur Fanmeile in Berlin gegangen und bin von siegestrunkenen Deutschen angespuckt worden.

Insofern bin ich nicht so traurig, dass Deutschland diesmal kein spätes 1:0 gegen Polen geschossen hat. Ein inneres 0:0 in Sachen Nationalgefühl ist auch mal gut.

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