Sport : Ein Drama in Bronze

Die deutschen Springreiter steigern sich und werden bei der WM Dritter hinter Holland und den USA

Jeannette Krauth[Aachen]

Der Bundestrainer hatte die Kampfansage forsch formuliert: „Medaillen geben wir noch nicht verloren – auch eine hohe nicht“, sagte Kurt Gravemeier vor der Mannschafts-Entscheidung der Springreiter bei den Weltreiterspielen gestern Abend in Aachen. Und der Bundestrainer sollte Recht behalten – zumindest zum Teil. Nach einer spannenden Aufholjagd lagen die Deutschen zwischenzeitlich sogar auf Silberkurs. Doch Marcus Ehning verpatzte den letzten Ritt völlig. Am Ende bleibt den Deutschen im Nationenpreis der WM mit 19,16 Strafpunkten immerhin Bronze – mit etwas Glück und einer Hundertstel vor der Ukraine. Holland (11,01) holt den Weltmeistertitel. Zweiter sind die USA mit 18,85 Punkten.

Die Atmosphäre an diesem Abend ist wie zuvor schon beim Dressurfinale fantastisch: Pünktlich um kurz nach neun Uhr ist kein heller Streifen mehr am Himmel zu sehen, die Lichter der Flutlichtmasten strahlten in das mit 40 000 Zuschauern voll besetzte Stadion. Das Finale der Mannschaftswertung beginnt, der zweite Umlauf des Nationenpreises, zu dessen Ergebnis die Punkte aus Zeitspringen vom Dienstag und dem ersten Umlauf des Nationenpreises am Mittwoch gezählt werden. Ein bisschen verstimmt gehen die deutschen Reiter in die entscheidende Prüfung, liegen sie doch mit 15,16 Strafpunkten auf dem vierten Platz, hinter den Niederlanden (7,01), der Ukraine (13,17) und den USA (14,85).

Der Parcours im Flutlicht zählt 13 Hindernisse; vom Kaiser-Karl Sprung, der auf Aachen verweisen soll, bis zum Steilsprung, an den der Globus lehnt, er soll in 92 Sekunden geritten werden. Nur eins fehlt – der Wassergraben. Um den hat sich Parcoursbauer Frank Rothenberger lange Gedanken gemacht. Denn sobald das schöne neue Flutlicht angeschaltet wird, reflektiert das Wasser jede Lampe. Das sieht für Pferde zum Fürchten aus. „Um das zu vermeiden, haben wir den Wassergraben mehrmals verlegt, aber an jeder Stelle sah man wieder alle Lichter im Wasser“, sagt Frank Rothenberger.

Nach einer Nullrunde der Schweizerin Christina Liebherr reitet Ludger Beerbaum als erster Deutscher ein. Kontrolliert reitend macht er das Spiel vom Vortag noch mal nach, nimmt aber noch engere Wege, sein Wallach streckt sich über den breiten Oxern, und das Ergebnis heißt: Keinen Fehler mit L’Espoir. Ein Ritt, der für die Einzelwertung große Hoffnung macht. Piet Raymakers, erster Starter der in Führung liegenden Holländer, sammelt zwölf Fehlerpunkte durch Zeit, Stangenfall und eine Verweigerung. Es ist das Streichergebnis für die Niederländer. Runde um Runde startet jeweils ein Reiter der Teams, nächster Deutscher ist wieder nach einer Nullrunde aus der Schweiz der bisherige Pechvogel Christian Ahlmann. Das Stadion jubelt bei jedem Sprung mit, und diesmal klappt’s – fast: der zuverlässige Cöster ist wieder da, bis auf das letzte Hindernis, vier Fehlerpunkte, weil die Stange am Globus-Sprung fällt.

Die USA patzt im nächsten Ritt – und damit hat sich zu diesem Zeitpunkt Deutschland auf einen Bronze-Medaillenrang geschoben. Die Ukraine, zum ersten Mal bei Weltreiterspielen dabei, bestehend aus einem zusammengekauften Team aus deutschen und belgischen Reitern, sammelt ebenfalls ungewollte Punkte, doch die Niederländer mit dem routinierten zweiten Starter Jeroen Dubbeldam bleiben fehlerfrei.

Nun die dritten Reiter der Teams: Meredith Michaels-Beerbaums Shutterfly „springt wie ein Glöckchen“, wie es in der Reitersprache heißt, rettet einen ungünstigen Absprung vor der Mauer und sichert eine Nullrunde für Deutschland. Doch auch die USA bleibt fehlerfrei, ebenso die Ukraine, auch wenn es einmal gewaltig wackelt, nur Okidoki unter Albert Zoer holt für die führenden Niederlande eine Stange runter. Holland 11,01, Deutschland 15,16 vor dem letzten Starter. Das wäre Silber.

Doch Marcus Ehnings Nerven halten nicht: Erst ein Abwurf, dann bleibt Küchengirl vor der Mauer stehen, rutscht ins Hindernis. Ein Schrei des Entsetzens hallt durchs Stadion. Ehning wendet ab, macht einen Gehorsamssprung – und gibt auf.

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